Die Schüsse von Hønefoss sind ein Lehrstück darüber, wie der Staat seine Bürger nicht ernst nimmt. Ein namentlich bekannter Mann feuert eine Waffe ab, die Polizei beschlagnahmt sie zwar, aber der Schütze ist flüchtig – und dennoch verkünden die Behörden, es bestehe „keine Gefahr für die Öffentlichkeit“. Diese Formel ist nicht Beruhigung, sondern eine Verhöhnung der Vernunft. Wer einmal schießt, stellt eine fortwährende Bedrohung dar, solange er frei herumläuft. Die beschlagnahmte Waffe ändert daran nichts, denn Entschlossenheit zur Gewalt lässt sich nicht beschlagnahmen.
Die beschwichtigende Rhetorik folgt einem Muster, das sich in norwegischen Städten immer weiter ausbreitet. Immer wenn etwas passiert, das das Vertrauen in die öffentliche Ordnung erschüttern könnte, wird die Bevölkerung mit beruhigenden Floskeln abgespeist, als wäre Sorge ein irrationales Gefühl. Dabei ist Sorge die einzig rationale Reaktion auf eine Gesellschaft, in der Schusswaffengebrauch längst kein exotisches Randphänomen mehr ist. Die Bürger spüren die Erosion der Sicherheit, und die offiziellen Verlautbarungen behandeln sie wie Kinder, die man vor schlechten Nachrichten schützen muss. Diese Missachtung des gesunden Menschenverstandes hat System: Sie verhindert eine ehrliche Debatte über den Zustand des Landes.
Der Fall offenbart ein tieferes Versagen. Die Polizei kennt den Namen des Täters; offenbar weiß sie, mit wem sie es zu tun hat. Warum ist der Mann dann noch nicht in Gewahrsam? Die Antwort liegt in einem Rechtssystem, das Täter schützt, während es die potenziellen Opfer im Stich lässt. Langwierige Verfahren, milde Urteile, eine überbordende Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte – all das schafft ein Klima der Kalkulierbarkeit für Kriminelle. Wer schießt, gehört weggesperrt, unverzüglich und ohne Wenn und Aber. Stattdessen dominiert eine Kultur der Ausreden, die dem Staat die Legitimität raubt.
Früher, als Gemeinschaft und ein selbstverständliches Ehrgefühl noch intakt waren, hätte eine solche Tat sofortige Ächtung und eine schnelle Reaktion der Obrigkeit nach sich gezogen. Heute ist die Hemmschwelle für Gewalt gesunken, weil die Konsequenzen allzu oft ausbleiben. Der Staat hat das Monopol auf legitime Gewalt, aber er übt es nicht entschlossen genug aus. Die Bürger haben ein Recht darauf, ungeschminkt informiert zu werden, auch wenn das bedeutet, eine vorübergehende Gefahr einzuräumen. Nur so können sie wachsam bleiben und notfalls selbst Vorsorge treffen. Die bürokratische Beschwichtigungslyrik hingegen produziert eine falsche Komfortzone, in der sich die nächsten Täter schon warmlaufen.
Sicherheit ist die erste Pflicht des Staates, ein konservativer Grundsatz, der in Vergessenheit geraten scheint. Wer sie nicht gewährleistet, untergräbt das Vertrauen in die gesamte Ordnung. Der Schuss von Hønefoss ist ein weiterer Weckruf. Es ist Zeit, dass der Staat sein Gewaltmonopol wieder ernst nimmt und die Bürger wie erwachsene Menschen behandelt – anstatt sie mit einer Rhetorik der Ungefährlichkeit einzulullen, während der nächste Schütze noch frei ist.
Quelle: NRK

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