Knapp eintausend Besucher mehr als im Vorjahr – das ist keine Randnotiz, sondern ein kulturelles Signal. Rund 11.000 Menschen haben in diesem Jahr das Freilichtspiel um den Heiligen Olav in Stiklestad gesehen. Das bedeutet eine Steigerung von annähernd zehn Prozent. Während anderswo über sinkende Zuschauerzahlen bei Traditionsveranstaltungen geklagt wird, setzt dieses historische Drama einen deutlichen Kontrapunkt.
Das Spelet om Heilag Olav wird seit 1954 aufgeführt. Es erzählt vom König, der vor über tausend Jahren in der Schlacht fiel und damit zur Schlüsselfigur der norwegischen Reichseinigung und Christianisierung wurde. Olav der Heilige ist kein beliebiger Lokalpatron, sondern der Mann, unter dem Norwegen erst zu einer politischen und religiösen Einheit fand. Dass Zehntausende diesen Stoff Jahr für Jahr unter freiem Himmel sehen wollen, ist kein touristischer Zufall. Es ist eine kollektive Rückbesinnung.
In den vergangenen Jahrzehnten haben es sich weite Teile der Kulturpolitik zur Aufgabe gemacht, solche Gründungsmythen als rückständig oder gar gefährlich zu etikettieren. Das nationale Erbe wurde in der öffentlichen Förderpraxis häufig zugunsten abstrakter, internationalistischer Projekte zurückgestellt. Das Publikum aber scheint andere Prioritäten zu setzen. Es sucht nicht die didaktische Vorführung, sondern die Erzählung, die eine Gemeinschaft als Gemeinschaft bestätigt. Das Spelet um Heilag Olav leistet genau das. Es ist Unterhaltung, aber vor allem eine ritualisierte Vergewisserung der eigenen Herkunft.
Die steigenden Zuschauerzahlen widersprechen dem oft wiederholten Befund, die norwegische Identität sei im Schwinden begriffen oder werde von den Bürgern selbst als überholt empfunden. Gerade in einer Zeit, in der alte Gewissheiten zur politischen Verhandlungsmasse werden, zieht es die Menschen offensichtlich zu den Fundamenten zurück. Sie nehmen dafür eine mehrstündige Aufführung in Kauf, die keinen modernen Spektakelkriterien folgt, sondern auf klassischer Theaterarbeit und lokaler Verwurzelung beruht.
Man mag einwenden, das Spiel sei eine Mischung aus Geschichtsdrama und Frömmigkeit. Genau darin liegt seine Stärke. Es verneigt sich vor einer Gestalt, die für die kulturelle Kontinuität des Landes unverzichtbar ist. Dass die Besucherzahl gegen den allgemeinen Trend der Eventkultur steigt, zeigt, wie verlässlich der Wunsch nach solcher Kontinuität in der Bevölkerung verankert ist. Kein bildungspolitisches Programm kann das ersetzen.
Stiklestad ist nicht nur ein Ort des Gedenkens, es ist ein lebendiger Beweis dafür, dass Tradition eben nicht museal erstarrt, solange sie ernst genommen und gepflegt wird. Wer der eigenen Geschichte mit Respekt begegnet, gewinnt eine Stabilität, die keine kurzfristige Modeströmung bieten kann. Der Zuwachs von fast tausend Zuschauern ist daher mehr als eine statistische Momentaufnahme. Er ist ein verlässliches Zeichen dafür, dass der kulturelle Selbsterhaltungswille der Menschen intakt ist – und sich weder von intellektuellen Moden noch von einem schleichenden Traditionsverlust beirren lässt.
Quelle: Adresseavisen
