Der norwegische Staat hat im Fall Fosen geradezu lehrbuchhaft vorgeführt, wie man ein höchstrichterliches Urteil zur Makulatur verkommen lässt – Håvard Bustnes’ Dokumentation hält dieses Versagen nun in bewegten Bildern fest. Der Oberste Gerichtshof hatte 2021 unmissverständlich klargestellt, dass die Genehmigungen für die Windkraftanlagen auf der Halbinsel Fosen die Rechte der samischen Rentierzüchter verletzen. Die Anlagen rotieren dennoch weiter, als hätte Oslo nie eine richterliche Entscheidung zur Kenntnis nehmen müssen. Wer darin nur ein technokratisches Umsetzungsproblem sieht, verkennt den tieferen Schaden: das schwindende Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit.
Die nun veröffentlichte Dokumentation zeichnet nach, wie sich der Staat in eine Sackgasse manövriert hat, aus der er keinen Ausweg mehr findet, weil er weder den Mut zum konsequenten Rückbau noch zu einer ehrlichen Entschädigungslösung aufbringt. Stattdessen herrscht juristischer Stillstand, gespickt mit politischen Treuebekenntnissen zum grünen Wandel. Genau darin liegt der Skandal, den der Film offenlegt: Hier wird eine gewachsene, traditionsgebundene Lebensweise einem abstrakten Klimanarrativ geopfert, ohne dass die Verantwortlichen die Konsequenzen tragen. Dass die Rentierweiden durch Betontürme und Infrastrukturschneisen zerschnitten werden, ist kein Kollateralschaden, sondern geplante Wirklichkeit, die jedes Gerede von Nachhaltigkeit ad absurdum führt.
Aus dem Dokumentarstreifen spricht ungewollt eine Lektion für ganz Europa: Wenn Staaten sich mit internationalen Klimaversprechen überheben und dabei lokale Rechtsordnungen missachten, verlieren sie nicht bloß einen Gerichtsprozess, sondern die Legitimität ihres Handelns. Die samischen Gemeinschaften sind nicht einfach nur Kläger, sondern Hüter einer Kultur, die ohne intakte Natur nicht überleben kann. Dass ausgerechnet eine vermeintlich fortschrittliche Energiepolitik diese Kultur zerstört, entlarvt den Widerspruch, der sich durch viele grüne Großprojekte zieht: Man will die Welt retten und vernichtet dabei das, was sie lebenswert macht.
Bustnes’ Film wird in den kommenden Wochen gewiss auch auf jene Debatte stoßen, die jedes kritische Nachfragen zur Windkraft pauschal in die Nähe von Klimaleugnung rückt. Gerade das aber verbietet sich hier, denn es geht nicht um die Frage, ob erneuerbare Energien sinnvoll sind, sondern darum, ob sie über jedes Recht hinwegwalzen dürfen. Die samischen Familien haben kein abstraktes Ressentiment, sondern ein konkretes Urteil auf ihrer Seite – und der Staat hat sich entschieden, es zu ignorieren. Dass eine Dokumentation diesen Rechtsbruch nun für das breite Publikum sichtbar macht, ist kein Angriff auf die Energiewende, sondern eine längst überfällige Anklageschrift gegen eine Politik, die ihr eigenes Regelwerk außer Kraft setzt.
Quelle: Adresseavisen
