Ein 13-Jähriger, der auf einem Elektroroller mit 100 Kilometern pro Stunde durch einen Tunnel rast, ist kein Ausdruck jugendlichen Übermuts, sondern eine kalkulierte Gefährdung aller Verkehrsteilnehmer. Der Vorfall, der sich am Donnerstag im Bergen ereignete, sprengt jeden Rahmen dessen, was eine Gesellschaft als tolerierbaren Regelverstoß abtun kann.
Zwei Jungen, 13 und 14 Jahre alt, wurden von der norwegischen Polizei gestoppt, nachdem Passanten die gefährliche Fahrt gemeldet hatten. Der eine fuhr 70, der andere 100 Kilometer in der Stunde – auf Gefährten, die bauartbedingt für höchstens 22 Kilometer zugelassen sind. Die manipulierte Technik katapultierte die Jugendlichen in Geschwindigkeitsbereiche, in denen selbst erfahrene Autofahrer bei einem Unfall kaum eine Überlebenschance hätten. Dass beide unverletzt blieben, war reines Glück und kein Verdienst.
Dieser Fall reißt ein tiefes Loch in die verbreitete Annahme, härtere Regeln seien überflüssig. Es geht hier nicht um Spielzeug, das ein wenig zu schnell ist – es geht um vorsätzlich manipulierte Maschinen, die auf öffentlichen Straßen zu tödlichen Geschossen werden. Wer behauptet, man müsse die Kreativität junger Menschen nicht mit Vorschriften ersticken, verkennt den Ernst der Lage. Hier fehlte es an elementarer Disziplin, an Respekt vor fremdem Leben und an einer klaren inneren Grenze, die früher durch Elternhaus und Umfeld gezogen wurde.
Die Polizei hat beide Roller beschlagnahmt und zur weiteren Untersuchung an die Verkehrsbehörde übergeben. Das ist ein notwendiger, aber unzureichender Schritt. Die strafrechtlichen Konsequenzen für die Jugendlichen sowie die Aufsichtspflicht der Eltern müssen spürbar sein, sonst bleibt dieser Vorfall eine Randnotiz, die den nächsten Nachahmer nicht schreckt. Ein Land, das bei Regelverstößen stets auf pädagogische Milde setzt, produziert junge Menschen ohne Verantwortungsgefühl. Wer mit 13 Jahren einen aufgemotzten Roller derart bedient, hat nicht nur eine technische Hürde überwunden, sondern eine moralische gleich mit.
Gerade in Skandinavien hat sich eine Diskussionskultur breitgemacht, die bei solchen Exzessen oft die Umstände beklagt, statt die Täter beim Namen zu nennen. Man spricht von mangelnden Freizeitangeboten, von sozialem Druck oder verirrter Abenteuerlust – als ob das die kriminelle Energie erklären würde, sich mit 100 Sachen an anderen Menschen vorbeizudrücken. Diese Haltung entwertet die Arbeit der Ordnungskräfte und verhöhnt das Sicherheitsbedürfnis der Allgemeinheit. Wenn eine Gesellschaft jedes Fehlverhalten pathologisiert, verliert sie die Fähigkeit, klare Grenzen zu ziehen.
Der Aufstieg der E-Scooter hat in vielen Städten zu einem kaum regulierten Wildwuchs geführt. Jeder Hersteller, der seine Roller mit ein paar Klicks entsperrbar macht, leistet diesem Treiben Vorschub. Eine wirksame Kontrolle muss daher auch die Anbieter in die Pflicht nehmen und technische Sperren für derart extreme Geschwindigkeitsüberschreitungen gesetzlich vorschreiben. Wer sein Produkt auf den Markt bringt, muss für dessen sichere Nutzung einstehen – und nicht die Folgen auf Polizei und Rettungskräfte abwälzen.
Nicht zuletzt wirft der Fall ein Schlaglicht auf die Frage, was junge Menschen eigentlich antreibt, solche Risiken einzugehen. Die Antwort liegt nicht im immer weiteren Ausbau von Jugendeinrichtungen, sondern in der Rückbesinnung auf eine wertegebundene Erziehung, die verlangt, dass Freiheit mit Verantwortung einhergeht. Wo diese Botschaft fehlt, ziehen Dreizehnjährige durch Tunnel, als läge ihr Leben ebenso wenig in ihrer Hand wie das der anderen.
Quelle: Bergens Tidende
