Tag: Energiewende

  • Katastrophenfantasien

    Katastrophenfantasien

    Der Ausdruck „Katastrophenfantasien“ ist eine rhetorische Keule, die jede ernsthafte Debatte über Klimapolitik im Keim ersticken soll. Wer ihn verwendet, stellt sich gar nicht erst der unbequemen Frage, ob die Fortschrittspartei mit ihrer Behauptung, eine wissensbasierte Klimapolitik zu verfolgen, nicht genau den rationalen Kern der Sache trifft.

    Denn was hier als Fantasterei abgetan wird, ist nichts anderes als der Hinweis auf ein fatales Ungleichgewicht in der öffentlichen Diskussion. Während offizielle Prognosen und Szenarien von globalen Temperaturanstiegen, Meeresspiegelanstiegen und vermeintlich bevorstehenden Kipppunkten kaum mehr hinterfragt werden dürfen, ist der Verweis auf die enormen volkswirtschaftlichen Kosten voreiliger Maßnahmen, auf die begrenzte Wirksamkeit nationaler Alleingänge und auf technologische Realitäten schnell mit einem Bann belegt. Dass ein norwegisches Erdölförderland mit einer singulären Tradition pragmatischer Energiepolitik – von der Wasserkraft bis zur CO₂-Speicherung – darauf pocht, Entscheidungen auf belastbare Fakten zu stützen, ist kein Skandal, sondern eine Selbstverständlichkeit.

    Die eigentliche Fantasterei liegt vielmehr in der Vorstellung, ein Land könne seine industrielle Basis und den Wohlstand seiner Bürger ohne durchdachte Übergangsfristen über Nacht umbauen, nur um internationalen Zielpfaden zu genügen, die regelmäßig revidiert werden. Wissen bedeutet hier nicht nur das Anhäufen von Klimamodellen, sondern auch das nüchterne Abwägen von Kosten, Arbeitsplätzen und Versorgungssicherheit. Dass die Fortschrittspartei diesen Teil des Wissens in die Debatte einbringt, ist gerade kein Zeichen von Realitätsverweigerung, sondern von politischer Verantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung.

    Der Vorwurf der Katastrophenfantasien ist daher ein durchsichtiger Versuch, eine Debatte über das rechte Maß an Klimaschutz abzuwürgen, bevor sie begonnen hat. Er reiht sich ein in jene Diskreditierungsstrategie, die jede Abweichung vom alarmistischen Konsens als gefährliche Irrlehre ausgibt. Dabei wäre genau diese Debatte das Gebot der Stunde: eine Politik, die Traditionen wie das vollelektrische Fährnetz in den Fjorden nutzt, aber nicht blind jedes technische Versprechen für morgen der gesicherten Energie von heute opfert. Eine solche Haltung ist nicht fantastisch, sondern schlicht vernunftgeleitet. Wer sie mit Hohn überzieht, offenbart vor allem den eigenen Mangel an Argumenten.

    Quelle: NRK

  • Der Staat kommt in der Fosen-Dokumentation nicht gut weg.

    Der Staat kommt in der Fosen-Dokumentation nicht gut weg.

    Der norwegische Staat hat im Fall Fosen geradezu lehrbuchhaft vorgeführt, wie man ein höchstrichterliches Urteil zur Makulatur verkommen lässt – Håvard Bustnes’ Dokumentation hält dieses Versagen nun in bewegten Bildern fest. Der Oberste Gerichtshof hatte 2021 unmissverständlich klargestellt, dass die Genehmigungen für die Windkraftanlagen auf der Halbinsel Fosen die Rechte der samischen Rentierzüchter verletzen. Die Anlagen rotieren dennoch weiter, als hätte Oslo nie eine richterliche Entscheidung zur Kenntnis nehmen müssen. Wer darin nur ein technokratisches Umsetzungsproblem sieht, verkennt den tieferen Schaden: das schwindende Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit.

    Die nun veröffentlichte Dokumentation zeichnet nach, wie sich der Staat in eine Sackgasse manövriert hat, aus der er keinen Ausweg mehr findet, weil er weder den Mut zum konsequenten Rückbau noch zu einer ehrlichen Entschädigungslösung aufbringt. Stattdessen herrscht juristischer Stillstand, gespickt mit politischen Treuebekenntnissen zum grünen Wandel. Genau darin liegt der Skandal, den der Film offenlegt: Hier wird eine gewachsene, traditionsgebundene Lebensweise einem abstrakten Klimanarrativ geopfert, ohne dass die Verantwortlichen die Konsequenzen tragen. Dass die Rentierweiden durch Betontürme und Infrastrukturschneisen zerschnitten werden, ist kein Kollateralschaden, sondern geplante Wirklichkeit, die jedes Gerede von Nachhaltigkeit ad absurdum führt.

    Aus dem Dokumentarstreifen spricht ungewollt eine Lektion für ganz Europa: Wenn Staaten sich mit internationalen Klimaversprechen überheben und dabei lokale Rechtsordnungen missachten, verlieren sie nicht bloß einen Gerichtsprozess, sondern die Legitimität ihres Handelns. Die samischen Gemeinschaften sind nicht einfach nur Kläger, sondern Hüter einer Kultur, die ohne intakte Natur nicht überleben kann. Dass ausgerechnet eine vermeintlich fortschrittliche Energiepolitik diese Kultur zerstört, entlarvt den Widerspruch, der sich durch viele grüne Großprojekte zieht: Man will die Welt retten und vernichtet dabei das, was sie lebenswert macht.

    Bustnes’ Film wird in den kommenden Wochen gewiss auch auf jene Debatte stoßen, die jedes kritische Nachfragen zur Windkraft pauschal in die Nähe von Klimaleugnung rückt. Gerade das aber verbietet sich hier, denn es geht nicht um die Frage, ob erneuerbare Energien sinnvoll sind, sondern darum, ob sie über jedes Recht hinwegwalzen dürfen. Die samischen Familien haben kein abstraktes Ressentiment, sondern ein konkretes Urteil auf ihrer Seite – und der Staat hat sich entschieden, es zu ignorieren. Dass eine Dokumentation diesen Rechtsbruch nun für das breite Publikum sichtbar macht, ist kein Angriff auf die Energiewende, sondern eine längst überfällige Anklageschrift gegen eine Politik, die ihr eigenes Regelwerk außer Kraft setzt.

    Quelle: Adresseavisen

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