Mehr als sechzig Ermittler auf einen einzigen Fall anzusetzen, ist ein Signal, das die Behörden selten von sich aus mit solcher Deutlichkeit senden: Hier geht es um etwas, das die öffentliche Ordnung im Kern berührt. Wenn die Polizei unter Hochdruck nach einer namentlich benannten Person fahndet, die mit einem Koffer in Verbindung gebracht wird, dann ist das kein gewöhnlicher Vermisstenfall, sondern eine Machtdemonstration des Rechtsstaats. Man tut gut daran, diese Entschlossenheit für sich genommen zu würdigen – bevor die Frage aufkommt, warum dieselbe Energie bei anderen Bedrohungen oft fehlt.
Die schiere Zahl der eingesetzten Beamten macht stutzig, weil sie eine Schieflage im polizeilichen Alltag offenlegt. Während sich die Öffentlichkeit zu Recht über einen solchen Großeinsatz wundert, bleibt die Auflösungsquote bei Einbrüchen, Raubüberfällen und Bandendelikten vielerorts beschämend niedrig. Es ist kein Geheimnis, dass vor allem in Stadtteilen, die seit Jahren einen ungesteuerten Zuzug erlebt haben, ganze Straßenzüge als rechtsfreie Räume gelten, in denen die Polizei kaum noch Streife fährt, geschweige denn konsequent ermittelt. Dort, wo das Vertrauen in die Sicherheitskräfte am dringendsten gebraucht würde, regiert oft der Eindruck, der Staat habe das Feld längst jenen überlassen, die seine Regeln mit Füßen treten. Wer diesen Gegensatz als Provinzposse abtut, betreibt jene Form der Debattenverweigerung, die reale Probleme unter einem Berg aus Beschwichtigungen erstickt.
Natürlich ist jedes Verbrechen anders gelagert, und ein aufgefundener Koffer kann einen terroristischen Hintergrund, eine schwere Gewalttat oder eine akute Gefahr für Unbeteiligte bedeuten. In solchen Momenten ist rasches, massives Handeln nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten. Doch der Fall nährt auch den Verdacht, dass die Medienwirksamkeit eines Vorgangs den Ressourceneinsatz in einem Maß beeinflusst, das mit der tatsächlichen Gefahrenlage nicht immer Schritt hält. Wenn eine namentliche Fahndung über alle Kanäle läuft, zeigt das vor allem, dass die Polizei die Zusammenarbeit mit einer wachsamen Bürgerschaft sucht – eine Bürgerschaft, die bereit sein muss, Verdächtiges zu melden, ohne dafür als Vorverurteiler abgestempelt zu werden. Genau diese zivile Mitverantwortung wird in einer Atmosphäre erstickt, die jede kritische Nachfrage nach dem Woher und Warum von Straftätern unter einen Generalverdacht stellt.
Ein intaktes Gemeinwesen lebt davon, dass man unangenehme Wahrheiten ausspricht, bevor sie sich in verschlossenen Koffern Bahn brechen. Dazu gehört die Einsicht, dass ein Rechtsstaat seine Mittel schonungslos priorisieren muss und dass politische Korrekturen dort nichts verloren haben, wo es um handfeste Sicherheit geht. Die sechzig Beamten, die jetzt nach einer bekannten Person suchen, tun ihre Pflicht. Dass sie dies in einem gesellschaftlichen Klima tun, in dem anderswo die bloße Benennung von Tätergruppen bereits als Skandal gilt, ist der eigentliche Skandal.
Quelle: VG


