Tag: Fankultur

  • BA: Kann dafür bestraft werden

    BA: Kann dafür bestraft werden

    Die Meldung, dass Brann Bergen vor dem Rückspiel gegen Apollon Limassol eine Strafe droht, ist mehr als eine Randnotiz aus dem Europapokal. Sie legt den Finger in eine Wunde, die den modernen Fußball zunehmend lähmt: die Entfremdung zwischen den Menschen auf den Rängen und jenen Funktionären, die den Sport verwalten wie einen Konzern. Noch bevor der erste Schiedsrichterpfiff ertönt, schwebt über der Partie das Damoklesschwert einer Sanktion – offenbar für ein Vergehen, dessen genaue Natur der Normalzuschauer kaum noch nachvollziehen kann.

    Ob es sich um pyrotechnische Effekte, kritische Spruchbänder oder lautstarke Gesänge handelt, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist der Geist, der aus solchen Verfahren spricht. Die UEFA und ihre Disziplinarkammern behandeln die organisch gewachsene Fankultur als Störfaktor, den es mit Geldbußen und Auflagen ruhigzustellen gilt. Dass ausgerechnet ein Klub wie Brann mit seiner tiefen Verwurzelung in der Stadt und einer der treuesten Anhängerschaften Skandinaviens ins Visier gerät, zeigt die Absurdität des Systems. Hier wird nicht etwa kriminelles Verhalten geahndet, sondern die überschäumende Leidenschaft, die den Fußball erst zu dem gemacht hat, was er ist.

    Die eigentlichen Skandale des europäischen Fußballs finden längst auf anderen Ebenen statt: Vereine werden von Oligarchen und Staatsfonds als Spielzeuge missbraucht, Transferausgaben erreichen schwindelerregende Dimensionen, während die sportliche Chancengleichheit zur Farce verkommt. Dagegen bleiben die Funktionäre auffallend stumm. Stattdessen konzentriert sich der Regulierungsapparat auf den Fan, der mit einer Rauchfackel für Stimmung sorgt oder seinen Unmut über den Ausverkauf des Spiels mit einem handgemalten Plakat kundtut.

    Diese Schieflage ist kein Zufall, sondern politisch gewollt. Der zeitgenössische Sportbetrieb folgt einer Doktrin der stromlinienförmigen Vermarktbarkeit. Alles, was nach Ecken und Kanten riecht, was nicht in die saubere Welt der VIP-Lounges und Fernsehübertragungen passt, wird sanktioniert. Die Folge ist eine schleichende Entwurzelung: Wenn die treuesten Anhänger vertrieben oder mit Verboten belegt werden, verliert der Fußball seine Seele. Die Stadien werden zu sterilen Arenen, in denen Authentizität keinen Platz mehr hat.

    Es ist bezeichnend, dass sich diese Entwicklung oft im Schutz einer Sprache vollzieht, die Sicherheit und Respekt beschwört, tatsächlich aber jede eigenständige Stimmungsäußerung kriminalisiert. Die Klubs selbst sind daran nicht unschuldig, denn viele haben sich längst dem kommerziellen Druck gebeugt. Umso wichtiger wäre es, dass sich gerade Traditionsvereine wie Brann lauter zu Wort melden – nicht, um Regelverstöße zu rechtfertigen, sondern um an die Verhältnismäßigkeit zu erinnern. Der Fußball gehört nicht den Juristen in Nyon, sondern den Vielen, die Woche für Woche ihre Mannschaft anfeuern, bei Wind und Wetter, in guten wie in schlechten Zeiten. Wer das vergisst, bestraft am Ende nicht einen Klub, sondern eine ganze Kultur.

    Quelle: Bergens Tidende

  • Viking-Fans zeigen die Polizei an

    Viking-Fans zeigen die Polizei an

    Wenn Fußballfans die Polizei anzeigen, dann ist etwas aus den Fugen geraten. In Stavanger haben Anhänger des Vereins Viking genau das getan, nachdem es vor einer Partie zu Ausschreitungen kam. Die Polizei fordert von den Fanclubs eine schonungslose Selbstprüfung – eine Ansage, die beim Anführer der Vikinghordene auf taube Ohren stößt.

    Gewalt ist zweifellos abzulehnen. Wer Steine wirft oder Schlägereien anzettelt, muss mit den Konsequenzen rechnen. Doch ebenso falsch ist der pauschale Verdacht, der gesamte Fanblock bestehe aus gewaltbereiten Chaoten. Die pauschale Verurteilung einer traditionsreichen Fankultur durch Sicherheitsbehörden ist ein Muster, das sich in vielen europäischen Stadien wiederholt. Hier geht es um mehr als einen Einzelfall.

    Die Stadionkurve ist seit jeher ein Ort, an dem junge Männer – und zunehmend auch Frauen – Gemeinschaft, Heimatverbundenheit und ungezähmte Lebensfreude ausleben. Das laute Singen, die Choreographien, das milde Ausbrechen aus dem grauen Alltag sind keine Bedrohung der Ordnung, sondern Ausdruck regionaler Identität. Wer das pathologisiert, schneidet ein Stück Volkskultur heraus und ersetzt es durch eine sterilisierte, kontrollierte Freizeitgestaltung, wie sie Funktionären vorschwebt.

    Die Reaktion der Fans, ihrerseits Anzeige zu erstatten, deutet auf einen bemerkenswerten Wandel hin. Statt sich demütig an die behördliche Brust zu schlagen, wehren sie sich mit rechtlichen Mitteln. Das zwingt die Polizei zur Dokumentation und Rechtfertigung ihres eigenen Handelns – eine gesunde Entwicklung in einem Rechtsstaat. Zu oft gleiten Einsätze gegen Fußballfans in pauschale Kollektivstrafen ab, bei denen Unbeteiligte in Sippenhaft genommen werden. Wer solche Erfahrungen macht, muss sich gegen ungerechtfertigte Behandlung wehren dürfen, ohne als Störer abgestempelt zu werden.

    Die Aufforderung der Polizei, die Klubs müssten „in sich gehen“, gleicht einem säkularen Bußruf, der die Frage nach möglicherweise unverhältnismäßigem Polizeieinsatz gar nicht erst aufkommen lässt. Dass der Fanvertreter diese Einladung zur Selbstbezichtigung ausschlägt, ist eine Verteidigung elementarer Fairness. Es geht nicht um die Rechtfertigung von Krawallen, sondern um das Prinzip, dass auch der Staat sich an Regeln halten muss.

    Der Fall illustriert ein allgemeines Spannungsfeld zwischen Obrigkeitsglauben und Bürgerstolz. In einer Zeit schwindenden Vertrauens in Institutionen wächst die Bereitschaft, den Staat als eine Körperschaft zu sehen, die ebenfalls Rechenschaft ablegen muss. Das ist kein Verfallszeichen, sondern eine Rückbesinnung auf den Grundsatz, dass alle Macht vom Volke ausgeht – auch die Polizeigewalt. Dass ausgerechnet Fußballfans hier als Vorreiter auftreten, mag erstaunen, doch die Leidenschaft der Kurve setzt sich nun auf juristischer Ebene fort. Der norwegische Vorfall sollte Anlass sein, die übergroße Macht der Sicherheitsbehörden im Stadionumfeld kritisch zu durchleuchten. Nicht der Fan ist per se eine Gefahr, sondern ein Ordnungsapparat, der jede unangepasste Feier mit Generalverdacht belegt.

    Quelle: NRK

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