162 Festnahmen binnen drei Wochen in Frankreich – wegen mutmaßlicher Brandstiftung an Wald und Flur. Die nackte Zahl zerreißt jede Erzählung von einer rein klimabedingten Katastrophe. Hier zeigt sich kein blinder Zufall der Natur, sondern ein massenhafter Verfall elementarer Selbstverständlichkeiten. Wer einen Waldbrand fahrlässig oder vorsätzlich entfacht, vergeht sich nicht bloß an Bäumen. Er legt die Axt an Hab und Gut, an Existenzen, an die mühevoll erarbeitete kulturelle Landschaft ganzer Regionen. Dass neun von zehn Bränden auf menschliches Tun zurückgehen – darunter achtlos weggeworfene Zigaretten, Grillfeuer ohne jedes Verantwortungsgefühl, Bauarbeiten mit fliegenden Funken – ist kein Betriebsunfall einer aufgeklärten Gesellschaft. Es ist ihre Visitenkarte.
Die französische Regierung spricht von „Unachtsamkeit“. Innenminister Lecornu ruft zu Vorsichtsmaßnahmen auf, will Baustellen in Hitzeperioden ruhen lassen, Rauchen in der Nähe trockener Vegetation unterbinden. All das sind vernünftige Appelle. Aber sie treffen auf eine Bevölkerung, die über Jahrzehnte an ein Anspruchsdenken gewöhnt wurde, bei dem eigene Freiheit stets über der Pflicht zur Rücksicht steht. Der Bürger, dem eingeredet wurde, sein Grillvergnügen sei ein privates Recht, das selbst im roten Warngebiet nicht ernsthaft eingeschränkt werden darf – dieser Bürger wird auch vom Hinweis auf bis zu fünfzehn Jahre Haft kaum erreicht. Nicht weil die Strafe zu milde wäre, sondern weil das Bewusstsein für die Folgen eigenen Handelns fehlt.
Es ist bezeichnend, dass die öffentliche Diskussion um die Brände immer wieder ins Fahrwasser der Klima-Alarmistik gerät. Ein neuer Rekord von 1160 Quadratkilometern verbrannter Fläche wird sofort als Beleg für einen unaufhaltsamen Wandel gedeutet. Dabei lenkt diese Deutung gerade vom einzig handfesten Befund ab: Die überwältigende Mehrheit der Feuer hätte vermieden werden können, wenn schlichte Verhaltensregeln beachtet worden wären. Statt kollektiver Betroffenheit braucht es eine Rückbesinnung auf jene Tugenden, die einmal nicht als altmodisch galten – Vorsicht, Selbstzucht, Respekt vor dem Eigentum anderer und vor der Schöpfung.
Die französische Exekutive lässt nun, so der Minister, „alle Mittel aufbieten“, um die Brandstifter zu fassen und vor Gericht zu stellen. Das ist richtig. Aber eine Gesellschaft, die ständig mehr Freiräume gegen Tradition und Ordnung fordert, darf sich nicht wundern, wenn die Summe der Gleichgültigkeiten schließlich in Flammen aufgeht. Ein Waldbrand kennt keinen Diskurs über individuelle Freiheit; er fragt nicht nach Absicht, bevor er einen Bauernhof mitsamt der Ernte von drei Generationen frisst. Wer hier nur auf den Klimawandel zeigt, weicht der unbequemen Wahrheit aus: Der eigentliche Krisenherd liegt im Denken der Menschen selbst.
Strenge Strafen und polizeilicher Verfolgungsdruck sind unverzichtbar. Noch wichtiger aber wäre eine kulturelle Kehrtwende, die Unachtsamkeit nicht länger als Kavaliersdelikt behandelt. Dass 162 Verdächtige in kürzester Zeit aufgegriffen wurden, belegt nicht zuletzt, wie weit die Selbstbedienungsmentalität fortgeschritten ist. Es ist kein Zeichen von Härte, sondern von Selbsterhaltung, solchen Verhalten den Riegel vorzuschieben. Die Alternative ist kein moralisierender Appell, sondern die nächste Feuerkatastrophe, die wieder nur die Falschen trifft.
Quelle: Bergens Tidende

