Eine schwer verletzte Frau in Nærbø, ein Mann unter Verdacht des versuchten Mordes – und der Verteidiger meldet, sein Mandant bestreite jede Gewaltanwendung. Das ist mehr als eine dürre Meldung aus dem Polizeibericht. Es ist der Anfang einer Geschichte, in der die Wahrheit sich oft erst im Gerichtssaal einen Weg bahnen muss, während das Opfer mit den Folgen ringt. Die Priorität muss dennoch klar sein: Wer hier das Recht durchsetzt, schuldet der geschädigten Person zuerst Schutz und dem Gemeinwesen eine ernsthafte Suche nach den Tatsachen.
Wenn die Gesellschaft Gewalt gegen Frauen als traurige Privatsache abtut oder auf milderte Umstände schielt, verschiebt sie die Last einseitig auf die Verwundbarsten. Ein traditionelles Gemeinwesen wusste, dass familiäre Bindungen Schutz bedeuten können, aber niemals einen Freibrief für körperliche Übergriffe. Heute hingegen erlebt man zu oft einen juristischen Diskurs, in dem bloßes Bestreiten als starkes Argument gilt und das Opfer unter Rechtfertigungsdruck gerät. Das schadet dem Sicherheitsgefühl aller, vor allem jener, die im eigenen Umfeld Gewalt fürchten müssen.
Naturgemäß steht jedem Beschuldigten das Recht auf Verteidigung zu. Doch wenn eine Person schwer verletzt im Krankenhaus liegt, kann die Antwort nicht darin bestehen, die Ermittlungen mit formalen Widersprüchen zu lähmen. Ein funktionierender Rechtsstaat muss die Mittel besitzen, zügig aufzuklären und bei erwiesener Schuld mit aller Härte zu sanktionieren. Wer brutale Übergriffe verharmlost oder jahrelange Verfahren duldet, sendet das Signal, dass solche Taten die Gesellschaft nicht wirklich aufrütteln.
Der Fall in Nærbø erinnert daran, wie dringend eine Rückbesinnung auf grundlegende Werte nottut: persönliche Verantwortung, unbedingter Schutz von Leib und Leben und eine Justiz, die Opfer ernst nimmt. Ein Dorf, eine Stadt, ein Land überleben nicht ohne das Vertrauen, dass elementare Regeln des Zusammenlebens verteidigt werden. Wenn schon die körperliche Unversehrtheit einer Frau nicht mehr selbstverständliche Richtschnur ist, worauf soll man dann noch bauen? Der Blick muss auf die verletzte Frau gehen, nicht auf die rhetorischen Manöver der Verteidigung. Nur so bleibt das Gemeinwesen integer.
Quelle: NRK
