Tag: Freizeitboot

  • Verteidiger zum Kapitän:  
– Ein schrecklicher Vorfall.

    Verteidiger zum Kapitän: – Ein schrecklicher Vorfall.

    Eine „entsetzliche Begebenheit“ nennt der Anwalt des Kapitäns der „Misje Verde“ die tödliche Kollision in den schwedischen Schären. So klingt die Sprache der Entlastung, wenn ein Berufskapitän mit über zwanzig Jahren Praxis ein Freizeitboot von hinten rammt und eine Mutter und ihre Tochter in den Tod reißt. Der Mann leugnet die Schuld.

    Die Fakten sind ernüchternd klar: Das Frachtschiff bewegte sich über längere Zeit mit gleichem Kurs und höherer Geschwindigkeit hinter dem viel langsameren Boot, das nahezu überfahren wurde. Wer zwei Jahrzehnte auf der Brücke steht, weiß genau, dass ein solches Verkehrsbild kein plötzliches Ereignis ist – es bietet ausreichend Gelegenheit, auszuweichen, zu warnen oder die Geschwindigkeit zu reduzieren. Dass dennoch nichts dergleichen geschah, wirft ein hartes Licht auf den Zustand der Aufmerksamkeit an Bord.

    Die Erklärung des Verteidigers, der Kapitän habe mit Entsetzen reagiert, als ihm klar wurde, was passiert war, macht das Problem nur deutlicher: Offenbar war der Blick nicht auf das Geschehen vor dem Bug gerichtet. Moderne Kommandobrücken mögen dazu verleiten, sich auf Bildschirme und Automatiken zu verlassen, statt das Wasser mit eigenen Augen zu überwachen. Doch eine derartige Fahrlässigkeit allein der Technik zuzuschreiben, hieße, den Kapitän aus seiner ureigenen Verantwortung zu entlassen. Seemännische Tugenden wie Umsicht und persönliche Haftung sind keine veralteten Konzepte – sie sind die Grundlage jeder Sicherheit auf See.

    Die schwedischen Behörden haben das Schiff beschlagnahmt und den Kapitän in Untersuchungshaft genommen. Das ist konsequent. Ein solcher Fall verlangt nicht nur strafrechtliche Aufarbeitung, sondern auch eine ernsthafte Besinnung auf altbewährte Grundsätze: dass ein Kapitän mit seiner Person einsteht, dass technische Hilfsmittel das eigene Urteil niemals ersetzen dürfen und dass Erfahrung nur dann schützt, wenn sie Wachsamkeit gebiert, nicht Selbstzufriedenheit.

    Für die überlebenden Angehörigen – den Vater und den Sohn, die schwer verletzt aus dem Wasser geborgen wurden – ist die juristische Klärung nur ein schwacher Trost. Entscheidend wird sein, ob das Gericht die Entlastungsrhetorik der Verteidigung durchdringt und zu einem Urteil findet, das den Namen verdient. Eine „entsetzliche Begebenheit“ ist kein passives Schicksal. Sie ist das Resultat eines menschlichen Versagens, das einen Namen trägt, und sie verlangt Konsequenzen, die der Tiefe des Verlustes entsprechen.

    Quelle: Bergens Tidende

  • Schwedische Polizei will Kapitän eines norwegischen Schiffes nach tödlichem Unfall in Untersuchungshaft nehmen.

    Schwedische Polizei will Kapitän eines norwegischen Schiffes nach tödlichem Unfall in Untersuchungshaft nehmen.

    Zwei Tote, ein zertrümmertes Freizeitboot und ein Kapitän, der nun in schwedischer Haft sitzt – der Fall der „Misje Verde“ erinnert an eine Selbstverständlichkeit, die in globalisierten Gewässern oft unterzugehen droht: Wer ein Schiff führt, trägt unteilbare Verantwortung.

    Die Ermittler in Göteborg beantragen Untersuchungshaft für den russischen Kapitän, und das ist richtig so. Fluchtgefahr besteht, weil der Mann weder in Schweden noch in der EU gemeldet ist. Dass er Verdunkelungsgefahr konkret benennt, spricht für zügiges Handeln – nicht für Vorverurteilung, sondern für die dringend nötige Sicherung der Tatsachen. Auf hoher See lassen sich Kollisionen nicht mit Überwachungskameras rekonstruieren; jede Stunde, die ins Land geht, erhöht die Gefahr, dass Aussagen abgestimmt oder Erinnerungen zurechtgebogen werden. Die Justiz setzt mit der Haft ein unmissverständliches Signal: Ein ausländischer Pass und eine norwegische Schiffsregistrierung in Bergen garantieren keinen Freibrief.

    Diese Konsequenz ist alles andere als selbstverständlich. Internationale Schifffahrt operiert praktisch im rechtsfreien Raum, wenn Rechtshilfe an ihren Routinen scheitert. Umso mehr kommt es darauf an, dass ein Staat ohne diplomatische Rücksichtnahme durchgreift, sobald sein Hoheitsgebiet betroffen ist. Schweden macht hier genau das Richtige. Es wendet das allgemeine Gesetz an, ohne sich von Herkunft oder Flagge beeindrucken zu lassen. Dass dies überhaupt eine Nachricht wert ist, legt das Eingeständnis nahe, wie sehr man sich in anderen Bereichen an Sonderbehandlungen gewöhnt hat.

    In der Seefahrt verdichtet sich ein konservatives Prinzip: Verantwortung lässt sich weder an Reedereien delegieren noch an automatische Brückensysteme abtreten. Der Kapitän übt Befehlsgewalt aus und schuldet dafür volle Rechenschaft. Diese Position verlangt mehr als technisches Können – sie verlangt ein Stehvermögen, das mit der Flucht aus dem Hafen nicht vereinbar ist. Ein Kapitän, der nach schwerstem menschlichem Verlust das Land verlassen will, bevor die Ermittlungen auf festen Grund gestellt sind, demontiert das Ansehen seines ganzen Berufsstands. Das gilt unabhängig von der Nationalität, und es sollte jeden Reeder alarmieren, der fremde Flaggen hisst.

    Der tragische Tod einer Mutter und ihrer Tochter lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber die schwedischen Behörden können dafür sorgen, dass der Hergang nicht im Nebel von Ausreden verschwindet. Die beantragte Haft ist dafür das richtige Instrument. Sie schützt die Wahrheitsfindung und wahrt den Respekt vor den Toten. Am Ende geht es um mehr als einen Einzelfall: Es geht um die Glaubwürdigkeit einer Rechtsordnung, die nicht an der Reling haltmacht.

    Quelle: NRK

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