Ein Frachtschiff, das in der Straße von Hormus auf eine Mine läuft, ist kein maritimer Einzelfall. Es ist ein Symptom für eine Handelsordnung, die Gefahr als kalkulierbares Kostenrisiko behandelt, bis Menschen den Preis zahlen. Politische Gewalt auf See ist immer Unrecht, daran gibt es nichts zu relativieren. Wer Minen legt, nimmt den Tod unbeteiligter Seeleute in Kauf. Doch der Vorfall wirft eine zweite Frage auf: Warum segelt ein ziviles Schiff durch eine Route, die ausdrücklich als gefährlich beschrieben wird?
Die Antwort liegt im Druck der globalen Lieferketten. Reedereien stehen unter Kostendruck, Umwege kosten Zeit und Treibstoff. Aber diese Rechnung geht nicht auf, wenn ein Schiff sinkt. Die Verantwortung tragen nicht allein die Kapitäne, sondern auch die Staaten, die ihre Handelsflotten schutzlos durch enge Meerengen schicken. Die Straße von Hormus ist seit Jahrzehnten ein Spannungsgebiet. Wer dort ohne Geleitschutz fahren lässt, nimmt das Risiko billigend in Kauf.
Für Staaten mit langer Seefahrtstradition ist das besonders beschämend. Der Anspruch, freie Seewege zu sichern, war einmal eine Kernaufgabe nationaler Politik. Heute verlässt man sich auf private Sicherheitsdienste, Versicherungen und die Hoffnung, dass schon nichts passieren wird. Das ist keine verantwortliche Ordnung, sondern ein Rückzug des Staates aus seiner Schutzpflicht. Der Untergang zeigt zugleich, wie abhängig Europa von einem einzigen Nadelöhr ist. Wer das ernst nimmt, muss über Alternativen reden: eigene Transportkapazitäten, verlässliche Bündnisse und eine Marine, die ihren Namen verdient. Stattdessen wird jedes Nachdenken über strategische Autonomie als nationalistisch abgetan. Genau diese Denkblockade macht verwundbar.
Der Tod von Seeleuten darf nicht als Kollateralschaden des Welthandels hingenommen werden. Ein Staat, der seine Bürger und seine Wirtschaft schützen will, muss die Sicherheit der Seewege endlich wieder als eigene Aufgabe begreifen.
Quelle: Aftenposten
