Tag: Gerüchte

  • Jæren-Verteidiger will Gerüchteverbreiter anzeigen: – Mache Screenshots von allem

    Jæren-Verteidiger will Gerüchteverbreiter anzeigen: – Mache Screenshots von allem

    Die Drohung eines Strafverteidigers, Bürger, die ihre Gedanken zu einem Mordfall äußern, ins Visier der Justiz zu nehmen, ist ein Frontalangriff auf das Recht einer freien Gesellschaft, über die eigenen Sicherheitsinteressen zu debattieren. Der Anwalt des in Jæren des Mordes angeklagten 34-Jährigen erklärt unumwunden, er werde „Ryktespredere“ anzeigen und sichere sich bereits „Skjermbilder av alt“. Hier wird die uralte Schutzfunktion einer Verteidigung in ihr Gegenteil verkehrt: in ein Instrument zur Einschüchterung all jener, die das Geschehene nicht einfach schweigend hinnehmen wollen.

    Jeder Mord ist ein abscheuliches Verbrechen; daran besteht kein Zweifel. Doch die Aufarbeitung einer solchen Tat endet nicht an den Toren des Gerichtssaals. Besorgte Nachbarn, Eltern und Steuerzahler haben ein elementares Interesse daran, zu verstehen, wie es zu unvorstellbarer Gewalt kommen konnte und ob die Behörden als Prävention versagt haben. In der digitalen Öffentlichkeit treffen dabei mitunter Mutmaßungen, Zorn und echte Fragen aufeinander. Das ist keine zu verurteilende „Gerüchteküche“, sondern das raue Geräusch einer Gemeinschaft, die um Orientierung ringt.

    Statt den Dialog zu suchen, greift die Verteidigung zum schärfsten Schwert der Moderne: dem Sammeln von Screenshots, um Unbekannten juristische Konsequenzen anzudrohen. Die Botschaft ist klar und kalt: Wer über diesen Fall spricht, ohne die Deutungshoheit der Prozessbeteiligten zu übernehmen, riskiert eine Anzeige. Das ist ein Klima der Angst, das aus autoritären Regimen bekannt ist – nicht aus einem stolzen, auf Rechtsstaatlichkeit pochenden Skandinavien.

    Zur erwachsenen Verantwortung für das Gemeinwesen gehört auch, Kritik auszuhalten. Wenn ein Anwalt die diffuse Kategorie des „Gerüchts“ als Waffe nutzt, dann untergräbt er das Vertrauen in die Justiz, die eigentlich beiden Seiten dienen soll. Es entsteht der fatale Eindruck, man wolle nicht aufklären, sondern abdecken – sei es aus falsch verstandener politischer Korrektheit oder weil die Hintergründe des Falls unbequeme Fragen aufwerfen könnten.

    Eine konservative Grundhaltung ehrt den Schutz des Einzelnen vor Verleumdung, aber sie verteidigt ebenso entschlossen die Freiheit des Wortes gegen den Zeitgeist, der jede ungeschützte Äußerung sofort pathologisiert. Diese Gesellschaft braucht weniger eingeschüchterte Stille, nicht mehr.

    Quelle: Aftenposten

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