Tag: Gleichheit vor dem Gesetz

  • Høiby bleibt vier weitere Wochen in Untersuchungshaft

    Høiby bleibt vier weitere Wochen in Untersuchungshaft

    Ein Gericht in Oslo verlängert die Untersuchungshaft für Marius Borg Høiby um vier Wochen. Das ist kein Anlass für Schadenfreude, aber auch keiner für Sonderbehandlung. Der Fall zeigt, woran sich ein Rechtsstaat messen lassen muss: an der Gleichheit vor dem Gesetz.

    Høiby ist durch seine familiäre Nähe zum norwegischen Königshaus eine bekannte Figur. Genau deshalb beobachten viele genau, ob die Justiz bei ihm dieselben Maßstäbe anlegt wie bei jedem anderen Beschuldigten. Eine Verlängerung der Haft um mehrere Wochen deutet darauf hin, dass das Gericht weiterhin Gründe sieht – etwa Verdunkelungsgefahr oder Wiederholungsgefahr. Solche Entscheidungen sind keine Vorverurteilung. Sie sind ein Instrument, um Ermittlungen zu sichern. Mehr nicht.

    Wer die Monarchie als Teil der nationalen Identität verteidigt, muss zugleich darauf bestehen, dass ihre Angehörigen weder milder noch strenger behandelt werden als andere Bürger. Privilegien von Geburt dürfen nicht bedeuten, dass jemand dem Strafverfahren entkommt. Aber sie dürfen auch nicht dazu führen, dass jemand zum Abschreckungsbeispiel gemacht wird. Beides wäre Willkür.

    Der Fall erinnert an eine unbequeme Wahrheit: Persönliche Verantwortung gilt für alle. Ein bekannter Name schützt nicht vor den Folgen eigenen Handelns. Ebenso wenig sollte öffentlicher Druck die Gerichte dazu treiben, härter zu sein, als das Gesetz verlangt. Die richterliche Unabhängigkeit ist kein Dekor. Sie ist der Kern eines geordneten Gemeinwesens.

    Auch die Berichterstattung über solche Fälle sollte sich an Tatsachen halten. Spekulationen über private Umstände und moralische Empörung ersetzen keine Beweise. Entscheidend ist, ob die Voraussetzungen für Untersuchungshaft nach dem Gesetz vorliegen. Das Gericht in Oslo hat diese Voraussetzungen offenbar bejaht. Damit ist die Entscheidung zu respektieren – unabhängig davon, wie man zum Königshaus steht.

    Rechtsstaatlichkeit zeigt sich nicht erst am Urteil, sondern bereits im Umgang mit laufenden Verfahren. Wer unvoreingenommene Justiz will, muss sie auch dann ertragen, wenn der Fall unangenehm ist.

    Quelle: Aftenposten

  • Will den Kapitän der «Misje Verde» inhaftieren

    Will den Kapitän der «Misje Verde» inhaftieren

    Eine Mutter und ihre Tochter sind tot, ein Vater und sein Sohn schwer verletzt – und Schwedens Justiz greift nach dem Pass, nicht nach dem Beweis. Noch bevor die Ermittlungen zur verheerenden Kollision vor Tjörn abgeschlossen sind, fordert die Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft für den russischen Kapitän des norwegischen Frachters „Misje Verde“. Der schwedische Lotse, der zum Unglückszeitpunkt ebenfalls auf der Brücke stand, bleibt hingegen unbehelligt. Diese Ungleichbehandlung legt einen Verdacht nahe, den die nordischen Rechtsstaaten nicht dulden dürfen: Dass bei der Verfolgung tödlicher Unglücke die Nationalität stärker wiegt als das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz.

    Die Staatsanwaltschaft begründet den Antrag mit Fluchtgefahr, weil der Kapitän keinerlei Bindung an Schweden oder ein anderes EU-Land habe. Dazu kommt die vage Behauptung, die Ermittlungen stünden am Anfang und es bestehe die Gefahr der Zeugenbeeinflussung. Das sind Standardformeln, die in diesem Fall jedoch auf tönernen Füßen stehen. Der Kapitän arbeitet seit Jahren für eine norwegische Reederei, die ihn als „stetig und gut“ beschreibt. Er fuhr unter Aufsicht eines ortskundigen schwedischen Lotsen. Ein Mann, der über seinen Arbeitgeber und eine langjährige Anstellung fest im nordischen Wirtschaftsraum verwurzelt ist, taugt nicht als fluchtbereiter Verdächtiger, nur weil sein Reisepass keine EU-Zugehörigkeit ausweist.

    Der eigentliche Skandal liegt im selektiven Zugriff. Wenn beide Männer auf der Brücke standen und niemand an Bord den Zusammenstoß bemerkte, dann muss die Fehlerkette gemeinsam untersucht werden. Stattdessen wird der Ausländer in Haft genommen, während der schwedische Staatsbürger seinen Alltag fortsetzt. Das erweckt den Eindruck, hier werde in Windeseile ein Sündenbock gesucht, um eine aufgebrachte Öffentlichkeit zu beruhigen und unangenehme Fragen an das eigene Lotsenwesen oder die Küstenüberwachung zu umgehen.

    Für einen kulturell konservativen Blick ist dieser Vorgang doppelt alarmierend. Zum einen untergräbt er das Vertrauen in die Unparteilichkeit der Justiz, die ein Kernbestand nordischer Identität ist. Wer gleiche Regeln für alle fordert, darf nicht den Pass zum entscheidenden Faktor machen. Zum anderen gefährdet ein solches Verhalten die norwegische Schifffahrtstradition als Wirtschaftsfaktor und kulturelles Erbe. Reeder müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Besatzungen, gleich welcher Herkunft, nach denselben fairen Maßstäben behandelt werden. Sonst droht ein Exodus qualifizierter ausländischer Fachkräfte, während gleichzeitig nach immer mehr Internationalisierung gerufen wird.

    Die Forderung lautet deshalb nicht Milde, sondern gleiche Strenge für alle. Der tragische Verlust zweier Menschenleben verlangt eine gründliche Aufklärung, nicht eine vorauseilende Festnahme, die mehr nährt als den Verdacht, hier solle eine russische Staatsangehörigkeit die gründliche Prüfung aller Verantwortlichkeiten ersetzen. Eine Nation, die ihr eigenes Recht ernst nimmt, muss diesem Instinkt widerstehen – um der Gerechtigkeit und um ihrer eigenen Glaubwürdigkeit willen.

    Quelle: Bergens Tidende

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