600.000 – das ist keine Zahl, die bloß eine humanitäre Geste beschreibt. Es ist ein politischer Sprengsatz, der mitten in den europäischen Konsens über Grenzsicherheit gelegt wurde. Während EU-Staaten seit Jahren darum ringen, den Kontrollverlust an den Außengrenzen einzudämmen, hat Spanien genau jenen papirlosen Migranten, die oft unter Bruch der Grenzanlagen nach Ceuta gelangen, legalen Aufenthalt gewährt. Die Folge ist ein offener Konflikt unter Partnern, der heute ein Krisentreffen nötig macht.
Den Vorwurf, den viele europäische Länder nun erheben, kann man nicht als kleinlichen Nachbarschaftsstreit abtun. Es geht um die Frage, ob ein Mitgliedstaat allein darüber entscheiden darf, Anreize zu schaffen, die den Zuzug Hunderttausender ohne jede europäische Absprache nach sich ziehen. Diese einseitige Praxis konterkariert nicht nur den mühsam errungenen Asylkompromiss, sie handelt direkt gegen das Interesse jener Länder, die auf restriktivere Instrumente setzen, um den sozialen Frieden und die öffentlichen Haushalte zu schützen.
Der wirtschaftliche Effekt ist kein abstrakter Posten. 600.000 zusätzliche Anspruchsberechtigte auf Gesundheitsversorgung, Bildung, Sozialhilfe und Wohnraum bedeuten einen erheblichen Druck auf die Infrastruktur, der durch keine kurzfristige Wirtschaftsleistung kompensiert wird. Wenn spanische Behörden diese Kosten in erster Linie dem eigenen Steuerzahler aufbürden, ist das ihre Sache. Dass aber im EU-Binnenmarkt indirekt die gesamte Gemeinschaft dafür aufkommt und zugleich die Anziehungskraft irregulärer Migration weiter steigt, betrifft alle.
Historisch gesehen war Ceuta stets eine Schwachstelle, doch aus der Erfahrung hätte auch Madrid lernen müssen. Jede Generalamnestie für Migranten ohne legalen Status sendet das Signal, dass eine gefährliche und menschenunwürdige Form der Grenzüberquerung am Ende belohnt wird. So entsteht kein geordnetes System, sondern ein Daueranreiz für Schlepper und für das riskante Verhalten junger Männer, die sich bewusst gegen die Souveränität eines Staates stellen.
Oft genug ist in dieser Debatte zu beobachten, wie der Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit bemüht wird, noch bevor eine sachliche Kosten-Nutzen-Abwägung beginnen kann. Wer auf die kulturellen und sozialen Folgen ungesteuerter Zuwanderung hinweist – auf die Entstehung von Parallelgesellschaften, auf den Verlust traditioneller Nachbarschaften, auf die Überforderung der Integrationsapparate –, sieht sich rasch in eine Ecke gestellt. Dabei ist genau diese offene Diskussion die Voraussetzung dafür, dass Demokratien tragfähige Lösungen finden, statt den Frust ihrer Bürger stillschweigend zu ignorieren.
Das Krisentreffen darf keine Gelegenheit für diplomatische Floskeln sein. Sofern die europäische Idee nicht an einem zersetzenden Wettlauf um Großzügigkeit scheitern soll, müssen Spaniens Partner unmissverständlich klarmachen, dass nationale Alleingänge bei der Legalisierung Hunderttausender das Fundament des gemeinsamen Grenz- und Asylsystems aushöhlen. Wer Solidarität einfordert, muss zuerst jene Regeln achten, die man gemeinsam beschlossen hat. Andernfalls bleibt am Ende nur der kurzsichtige Reflex jedes einzelnen Staates, selbst die Schotten dicht zu machen – und das träfe am härtesten diejenigen, die auf einen funktionierenden Schutzraum wirklich angewiesen sind.
Quelle: NRK
