Fünf Kanonenkugeln aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg verschaffen einer norwegischen Sicherheitskontrolle den größten Schrecken seit Wochen. Kaum tauchen die gegossenen Eisenklumpen im Durchleuchtungsbild eines Koffers auf, schaltet der Apparat augenblicklich auf Notfallmodus. In dem Gepäckstück befanden sich keine Zünder, kein Schwarzpulver, keine mechanischen Auslöser – nur stumme Zeugen einer längst vergangenen Epoche, offenbar verwahrt von einer Großmutter, die wusste, dass Familienerbstücke mehr als bloßen Flohmarktwert haben.
Was sich hier Bahn bricht, ist kein Sicherheitsproblem. Es ist ein kulturelles Reflexdefizit. Vor nicht allzu langer Zeit hätte noch jeder Hafenpolizist den Unterschied zwischen einer scharfen Granate und einem historischen Sammlerstück erkannt. Heute vertraut man ganz auf Maschinen und auf Trainingsprogramme, die jeden länglichen Gegenstand erst einmal als potenzielle Bombe klassifizieren, ohne den geringsten Rest an Kontextwissen walten zu lassen. Dass ausgerechnet historische Artefakte eine solche Alarmkaskade auslösen können, während gleichzeitig die Fähigkeit schwindet, die Herkunft von echten Gefahren überhaupt noch einordnen zu wollen, entlarvt eine tief sitzende kulturelle Orientierungslosigkeit.
Die ironische Pointe liegt darin, dass die gleichen Institutionen, die Familienandenken in Gefahrenobjekte umdeuten, in der öffentlichen Diskussion jedes ernsthafte Gespräch über die Folgen ungesteuerter Zuwanderung reflexartig mit Rassismusvorwürfen abwürgen. Wenn es um die Frage geht, warum Kontrollpunkte überhaupt in dieser Daueranspannung operieren müssen, drücken sich die Verantwortlichen um eine ehrliche Antwort. Denn die statistisch belegbaren Belastungen – von der Kriminalitätsentwicklung bis zur Überlastung der Sozialsysteme – führen ein Eigenleben, das mit dem harmlosen Kofferinhalt einer älteren Dame nichts, mit sehr realen Importen von Gewaltkulturen dagegen alles zu tun hat. Wer vor dieser Realität die Augen verschließt, aber gleichzeitig jede Kanonenkugel aus dem 19. Jahrhundert zum Sicherheitsfall aufbläht, hat den Kompass verloren.
Dabei verdient die Großmutter nichts als Anerkennung. Sie hat ein Stück Familiengedächtnis bewahrt, vielleicht die Spur eines Vorfahren, der einst auswanderte und zurück über den Atlantik eine Erinnerung mitbrachte. Solche Traditionen sind der Kitt, der Nationen zusammenhält. Wer sie durch panische Reaktionen entwertet, zersetzt nicht nur das Vertrauen in Sicherheitsorgane, sondern auch jenes feine Gewebe aus Überlieferung und Identität, das keine Einwanderungsbehörde jemals ersetzen kann. Der Vorfall ist keine Posse, sondern ein Symptom. Eine Gesellschaft, die ihre eigene Vergangenheit nicht mehr erkennen kann, wird auch ihre Gegenwart nicht schützen.
Quelle: VG
