Tag: Humanitäres Völkerrecht

  • Norwegischer Arzt: – Es ist furchtbar, das mitanzusehen.

    Norwegischer Arzt: – Es ist furchtbar, das mitanzusehen.

    Ein norwegischer Arzt hat mit einer knappen, fast verzweifelten Bemerkung das Scheitern der internationalen Nachkriegsordnung auf den Punkt gebracht: „Es ist schrecklich, Zeuge zu sein.“ Der Satz verweist auf einen alltäglichen Skandal, der in wohligen Sonntagsreden gern beschwiegen wird – dass die nach 1945 mühsam errichteten Schutzabkommen für Zivilisten, Verwundete und medizinisches Personal in bewaffneten Konflikten nur noch Kulisse sind. Was einmal als zivilisatorischer Fortschritt galt, existiert heute vor allem auf vergilbtem Papier.

    Angriffe auf Krankenhäuser und Sanitäter, gleich ob in der Ukraine, im Nahen Osten oder in vergessenen Krisengebieten, sind keine bedauerlichen Ausnahmen. Sie sind Ausdruck einer systematischen Entwertung humanitärer Normen, die kaum noch jemanden empört. Die sogenannte internationale Gemeinschaft kennt starke Worte, aber keine wirksamen Taten. Weder die Vereinten Nationen noch einzelne Staaten schaffen es, jene zur Rechenschaft zu ziehen, die das Rotkreuz-Symbol zur Zielscheibe machen. Der norwegische Arzt, dessen Worte nun Aufmerksamkeit bekommen, steht für eine Profession, die täglich den Zerfall elementarer Regeln erlebt – hilflos und ohne Rückendeckung.

    Dass diese Schutzmechanismen so gründlich erodieren konnten, ist kein Unglück, das einfach passiert. Es ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen selektiven Umgangs mit dem Völkerrecht. Der Westen, auch Norwegen, hat humanitäre Prinzipien immer dann hervorgeholt, wenn es ins geopolitische Narrativ passte, und sie ignoriert, sobald Bequemlichkeit oder Bündnistreue es verlangten. Gleichzeitig band man sich daheim mit Kulturkämpfen und symbolischen Grabenkriegen, statt den Blick auf die Bewahrung grundlegender zivilisatorischer Standards zu richten. Wer glaubt, die größte Bedrohung für offene Gesellschaften gehe von abweichenden Meinungen aus, verliert aus dem Blick, dass anderswo noch darüber entschieden wird, ob ein Arzt überhaupt einen Verband anlegen darf, ohne selbst zur Zielscheibe zu werden.

    Die Aussage des norwegischen Mediziners ist ein Weckruf, der über die konkrete Situation hinausweist. Es ist nicht hinnehmbar, dass jene, die einem humanitären Auftrag folgen, zu Zeugen des eigenen Schutzzusammenbruchs werden. Solange die verantwortlichen Staaten – und die Öffentlichkeit – die Missachtung der Genfer Konventionen mit Achselzucken abtun, dürfen sie sich nicht wundern, wenn in einer zunehmend barbarisierten Welt selbst das letzte Fleckchen Unverletzlichkeit verschwindet. Ein Arzt, der nach einem Einsatz nur noch das Scheitern der Zivilisation bezeugen kann, sollte nicht allein gelassen werden. Es braucht keinen neuen Ausschuss, sondern den schlichten Willen, das wenige, was die Menschheit an verbindlichen Schranken gegen den Krieg vereinbart hat, wieder mit Nachdruck zu verteidigen.

    Quelle: Aftenposten

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