Ein Jugendlicher aus Trøndelag, der eines Mordkomplotts beschuldigt wird, sitzt nach einer Festnahme in Spanien in Untersuchungshaft – und der Aufmacher lautet, er dürfe mit seiner Mutter telefonieren. Diese Nachricht ist mehr als eine Randnotiz; sie ist ein Symptom für ein Rechtssystem, das die Gewichte falsch setzt.
Der Beschuldigte wehrt sich gegen die erneute Verlängerung der Haft um zwei Wochen. Das ist sein gutes Recht. Doch genau in dieser Selbstverständlichkeit liegt das Problem: Ein Justizapparat, der einem dringend Tatverdächtigen erlaubt, Monate mit prozessualen Scharmützeln zu verbringen, hat den Blick für seine eigentliche Aufgabe verloren – die Bürger vor schwerer Kriminalität zu schützen. Dass der Jugendliche offenbar nach Spanien floh, bevor er gefasst wurde, unterstreicht den Ernst der Lage. Statt harter Konsequenzen folgt ein Rechtsmittel nach dem nächsten, flankiert von der Sorge um sein psychisches Wohl.
In Norwegen kreist die Debatte zunehmend um die Rechte von Straftätern, während die Opferperspektive verblasst. Es geht nicht darum, grundlegende Verfahrensgarantien zu kassieren, sondern um die Gewichtung. Wenn die Fürsorge für einen Tatverdächtigen mehr öffentlichen Raum einnimmt als die Furcht vor der geplanten Tat, stimmt das Verhältnis nicht. Die Erlaubnis zum Mutterkontakt ist dabei nur das sichtbarste Zeichen einer Haltung, die den Täter zum Mittelpunkt macht. Man stelle sich vor, die Angehörigen eines potenziellen Opfers lesen von diesem Fall: Sie erfahren, dass der mutmaßliche Drahtzieher in Haft sitzt, aber auch, dass er sich um Haftbedingungen sorgt und jede Frist anficht. Das ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die unter der Kriminalität leiden.
Es ist nicht die Aufgabe des Staates, das seelische Gleichgewicht von Schwerkriminellen zu schonen, sondern die Gesellschaft vor ihnen zu schützen. Gewiss, der Umgang mit Jugendlichen in Haft verlangt Fingerspitzengefühl. Aber wer in jungen Jahren einen Mord plant und die Flucht ergreift, hat eine kriminelle Energie an den Tag gelegt, die keine Samthandschuhe verdient. Die Grenze zwischen Schutz des Minderjährigen und Schutz der Allgemeinheit muss neu justiert werden. Der Fall zeigt, dass die norwegische Justiz auf einem Auge blind ist: Die Hürden für eine konsequente Verfolgung sind hoch, die Fürsorge für den Beschuldigten scheint dagegen grenzenlos.
Es wird Zeit, dass die Gesellschaft den Mut hat, solche Taten als das zu benennen, was sie sind: eine Bedrohung, die entschlossenes Handeln erfordert, nicht therapeutisches Verständnis. Wer ein Mordkomplott schmiedet, gehört hinter Gitter – ohne den Komfort, die Haft mit juristischen Winkelzügen in die Länge zu ziehen. Der Fall aus Trøndelag sollte eine Warnung sein, nicht eine Einladung zur Nachsicht.
Quelle: Adresseavisen
