Ein Toter unter einer Felsklippe in Kalvåg, ein Angeklagter, der offenbar keine Verantwortung übernimmt – dieser Fall ist mehr als eine juristische Routine. Er ist ein Symptom für eine Gesellschaft, die den Begriff der persönlichen Schuldfähigkeit schleichend verlernt.
Kein vernünftiger Mensch wird das Recht auf Verteidigung infrage stellen. Die Unschuldsvermutung gehört zum Kernbestand jedes Rechtsstaats. Doch dieses Prinzip wird zunehmend pervertiert, wenn die Weigerung, Fehlverhalten einzuräumen, zur unhinterfragten Norm wird. Was früher eine seltene Ausnahme war – das vollständige Leugnen selbst bei klaren Beweisvorlagen –, prägt heute den Ton ganzer Gerichtssäle. Nicht nur in diesem Verfahren aus der Provinz, sondern in zahllosen Strafprozessen skandinavischer Gerichte beobachten Beobachter dieselbe Haltung: keinerlei Reue, keinerlei Einsicht, keinerlei Wunsch, dem Opfer oder der Gemeinschaft Genugtuung zu verschaffen.
Diese Entwicklung hat tiefe kulturelle Wurzeln. Über Jahrzehnte hat eine Erziehung, die Konsequenzen nur noch als verhandelbare Option behandelt, eine Mentalität genährt, in der Verantwortung stets externalisiert wird. Die Umstände sind schuld, die Gesellschaft, die Herkunft – nie das eigene Handeln. Wer so aufwächst, dem fehlt schlicht die innere Landkarte für moralische Rechenschaft. Weder Familie noch Schule vermitteln noch flächendeckend jene einfache Wahrheit, dass Freiheit ohne Einstehen für die Folgen der eigenen Taten wertlos ist.
Das Strafrecht allein kann dieses Vakuum nicht füllen. Ein Urteilsspruch vermag eine gerechte Strafe zu verhängen, aber er kann nicht die verlorene Haltung ersetzen, aus eigenem Antrieb vor der Gemeinschaft geradezustehen. Genau diese Haltung jedoch ist das Schmiermittel jeder funktionierenden Gesellschaft. Wo sie schwindet, wächst nicht nur der Zynismus gegenüber der Justiz, sondern auch die Entfremdung zwischen Bürgern, die einander im Alltag begegnen – auf der Straße, am Arbeitsplatz, in den Kommunen.
Die Bergenser Zeitung berichtet von einem Eindruck: Der Angeklagte erkenne keine Schuld an. Mehr nicht. Das Gericht wird die Fakten wägen und ein Urteil fällen. Doch jenseits des Einzelfalls verfestigt sich ein Bild, das weit über diesen Felsklippen-Tod hinausweist: In Skandinavien breitet sich eine Kultur der Unzuständigkeit aus, die jede gesellschaftliche Bindung lockert. Wer sie korrigieren will, muss weit vor dem Strafprozess ansetzen – bei der Erziehung, bei der Vermittlung von Pflichtgefühl und bei der schlichten, aber unbequemen Erwartung, dass ein Mensch für sein Handeln geradesteht.
Quelle: Bergens Tidende


