Tag: kulturelle Spannungen

  • Der Oljefonds steht vor dem größten Wertanstieg aller Zeiten innerhalb eines Quartals.

    Der Oljefonds steht vor dem größten Wertanstieg aller Zeiten innerhalb eines Quartals.

    Ein einzelnes Quartalsergebnis von umgerechnet weit über 300 Milliarden Euro – das ist keine Verheißung, sondern die nüchterne Prognose für den norwegischen Staatsfonds. Solche Zahlen schlagen jeden Rekord und lassen selbst das Bruttoinlandsprodukt mancher Industriestaaten blass aussehen. Die Versuchung, diesen kolossalen Vermögenszuwachs als reinen Segen abzuhaken, ist groß – doch sie verdeckt eine gefährlichere Wahrheit über die Gesellschaft, die sich auf diesem Geldpolster ausruht.

    Der Ölfonds ist das Produkt einer vorausschauenden Generation, die Rohstoffreichtum nicht verprasste, sondern für künftige Lasten zurücklegte. Disziplin, Sparsamkeit und ein nüchterner Blick auf das Ende des Ölzeitalters waren die Leitplanken. Heute hingegen erweckt die schiere Größe des Fonds den Eindruck, als ließen sich politische Versäumnisse unbegrenzt durch finanzielle Zuwendungen kitten. Jede neue Regierungskoalition überbietet sich mit Ausgaben aus dem Fonds, ohne die strukturellen Löcher im Haushalt zu stopfen – ein Fahrplan, der wirtschaftlich einem Kater am Morgen nach dem Fest gleicht.

    Paradoxerweise untergräbt der Überfluss die Tugenden, die ihn einst ermöglichten. Wenn der Staat mit milliardenschweren Hilfspaketen jede wirtschaftliche Delle glättet, verkümmern Eigenverantwortung und bürgerliche Vorsorge. Familien, die in unsicheren Zeiten eigentlich enger zusammenrücken und Rücklagen bilden müssten, verlassen sich auf die allgegenwärtige staatliche Abfederung. Der Fonds wird so vom Ruhekissen zur Wiege einer Anspruchshaltung, die mit skandinavischer Bescheidenheit nichts mehr gemein hat.

    Noch heikler ist der blinde Fleck, der sich über den tatsächlichen gesellschaftlichen Preis dieses Geldregens legt. Während die Schlagzeilen den Fondsrekord feiern, beanspruchen integrationspolitische Fehlschläge, überlastete Sozialsysteme und wachsende kulturelle Spannungen stillschweigend immer größere Tranchen aus dem Gemeinschaftsvermögen. Wer diese Kosten nüchtern benennt, wird nicht selten mit dem Totschlagvorwurf der Fremdenfeindlichkeit zum Schweigen gebracht – eine bequeme Ausrede, die eine ehrliche Debatte über die Grenzen der Belastbarkeit einer Gesellschaft im Keim erstickt. Der Fonds mag riesig sein, aber er ist kein Bodenloses Fass, das jede politische Fehlentscheidung ausgleicht.

    Norwegen steht mit diesem Quartalsrekord an einem Scheideweg. Es könnte sich auf die Werte besinnen, die den Reichtum überhaupt erst geschaffen haben: Voraussicht, Maßhalten und ein klares Bekenntnis zu den eigenen kulturellen und sozialen Fundamenten. Oder es könnte weitermachen wie bisher – den Fonds als universellen Reparaturbetrieb für jedes Politikversagen betrachten und dabei die Substanz aufzehren, von der kommende Generationen eigentlich zehren sollen. Das wahre Risiko liegt nicht in der Volatilität der Finanzmärkte, sondern in der Selbstzufriedenheit einer politischen Klasse, die den Unterschied zwischen Vermögen und Verdienst nicht mehr versteht.

    Quelle: Aftenposten

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