Ein Mann fährt als bekennender Skeptiker nach Stiklestad und kommt mit Gänsehaut zurück – hinter dieser trockenen Notiz steckt ein Vorgang, der den selbsternannten Kulturkritikern der Nation mehr zu denken geben sollte als ein Dutzend Leitartikel. Die bloße Ankündigung einer solchen Reise genügt heute, um in gewissen Kreisen milde Herablassung auszulösen. Das Freilichtspiel über den heiligen Olaf gilt dort als verstaubte Folklore, bestenfalls als harmlose Kuriosität, schlimmstenfalls als peinlicher Rest eines unreflektierten Nationalstolzes.
Der Skeptiker aber wird eines Besseren belehrt. Nicht durch ein Seminar, nicht durch einen erhobenen Zeigefinger, sondern durch die Aufführung selbst. Das ist ein Hinweis darauf, dass kulturelle Überlieferung eine Sprache spricht, die sich der rein rationalen Analyse entzieht. Die Schlacht, der Tod des Königs, die Jahresringe einer tausendjährigen Geschichte – auf der Freilichtbühne verdichtet sich all das zu einem Erlebnis, das den Zuschauer unmittelbar ergreift. Wer das als leere Kulisse abtut, verwechselt seine eigene Gefühlsarmut mit kritischem Denken.
Von einem „König des Spielwiderstands“ ist die Rede, einer Figur, die gegen das Spektakel opponiert. Was genau ihn antreibt, ist zweitrangig. Häufig steckt hinter solchem Widerstand der Impuls, jede Form nationaler Selbstvergewisserung unter Generalverdacht zu stellen. Der Vorwurf lautet dann gerne, hier werde eine blutige Vergangenheit romantisch verklärt, hier schwinge ein ausgrenzender Ton mit. Das ist die übliche Mechanik: Tradition wird pathologisiert, das Bedürfnis nach Herkunft als rückwärtsgewandt gebrandmarkt.
Doch die Gänsehaut des Skeptikers spricht eine andere Wahrheit. Ein Volk, das seine Gründungsmythen nicht mehr erzählen darf, verliert mehr als nur ein paar Theaterstunden. Es verliert den Zugang zu dem, was Menschen über Generationen hinweg verbindet. Der Einzelne wird zum wurzellosen Konsumenten einer austauschbaren Gegenwart. Das Spiel von Stiklestad ist keine Geschichtsklitterung, sondern Teil eines kulturellen Gedächtnisses, das nicht nach den Maßstäben akademischer Seminare vermessen werden kann. Es geht nicht um eine naive Heldenverehrung, sondern um die Vergegenwärtigung eines Schicksalsmoments, aus dem sich eine Nation versteht.
Wer dieses Erbe schleift, hinterlässt keine bessere, sondern eine leerere Gesellschaft. Die dünnblütige Vernunft des Widerstandskönigs hat kein Angebot, das die gleiche Kraft entfaltet wie ein sommerlicher Abend vor der historischen Kulisse, an dem Tausende gemeinsam den Atem anhalten. Die Gänsehaut ist keine Schwäche, sie ist eine stille Revolte gegen die Diktatur der Dekonstruktion. Wer sie erlebt, hat etwas begriffen, was sich mit Argumenten allein nicht einholen lässt – und genau deshalb überdauern solche Traditionen ihre Gegner.
Quelle: Adresseavisen

