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  • Will norwegischen Autor heiligsprechen

    Will norwegischen Autor heiligsprechen

    Die Nachricht, dass ein norwegischer Autor zur Heiligenfigur erhoben werden soll, klingt auf den ersten Blick wie eine skurrile Randnotiz aus der Kulturseite. Doch der Plan, einen zeitgenössischen Schriftsteller – es handelt sich offenbar um Jon Fosse – in diesen Rang zu heben, offenbart mehr über den Zustand der norwegischen Gesellschaft, als seinen Befürwortern lieb sein dürfte.

    Das Projekt wird nicht von der Kirche vorangetrieben, sondern von einem Kreis literarischer Enthusiasten, die eine Art säkulare Kanonisierung anstreben. Der Autor selbst hat in Interviews eine tiefe katholische Mystik erkennen lassen, was den Vorgang zusätzlich mit einer eigenartigen religiösen Patina versieht. Eine Nation, die sich zunehmend von ihren christlichen Wurzeln entfernt, greift also nach einem selbstgebastelten Heiligen – nicht weil der Glaube es verlangt, sondern weil die kulturelle Leere gefüllt werden muss.

    Darin liegt die eigentliche Ironie: Norwegen hat einen echten Nationalheiligen, Olav den Heiligen, der vor tausend Jahren das Land einte und christianisierte. Seine Figur steht für Kontinuität, für die Verbindung von Glaube und Staatsbildung. Dass man nun vier Jahre vor dem großen Olav-Jubiläum auf dem Stiklestad einen modernen Dichter in eine vergleichbare Position rücken will, wirkt wie eine Kapitulation vor der eigenen Geschichte. Olav repräsentiert etwas, das man heute nicht mehr zu denken wagt – eine starke, religiös fundierte nationale Identität. Ein Literaturnobelpreisträger hingegen liefert das beruhigende Gefühl kultureller Bedeutsamkeit, ohne dass man sich mit unbequemen Traditionsbeständen auseinandersetzen müsste.

    Die Heiligsprechungs-Initiative ist Ausdruck einer breiteren Verschiebung: Wo früher Kirche, Monarchie oder gemeinsame Mythen den kulturellen Kitt lieferten, springt heute der Literaturbetrieb ein. Der Schriftsteller als weltlicher Heiliger spendet Sinn, ohne dogmatisch zu werden. Er darf Mystiker sein, solange er nicht missioniert. Er darf von Gott sprechen, solange es als persönliche Marotte durchgeht. Kein Wunder, dass dieses Angebot auf fruchtbaren Boden fällt – es verlangt nichts, verspricht aber kulturelle Weihe.

    Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das spezifisch Norwegische. Olav der Heilige war kein austauschbarer Symbolträger, er war ein konkreter König, dessen Taten bis heute in Gesetz und Brauchtum nachwirken. Ein moderner Autor, wie bedeutend sein Werk auch sein mag, kann diese organische Verbindung zur Nation nicht ersetzen. Seine Prosa mag in Dutzende Sprachen übersetzt werden, aber sie wurzelt nicht im kollektiven Gedächtnis eines Volkes, das über Jahrhunderte hinweg seine Identität an diesem König geschärft hat.

    Die Initiatoren mögen das alles für harmlose Kulturförderung halten. Tatsächlich ist es ein weiterer Schritt zur Musealisierung der Vergangenheit: Olav bleibt als Touristenattraktion auf Stiklestad erhalten, während der lebendige Bezug zu ihm durch eine papierenen Heiligenfigur aus dem literarischen Feld ersetzt wird. Nationale Identität wird so zum Dekorationsstück, das man nach Bedarf auswechselt – Hauptsache, es sieht nach Tiefe aus, ohne tatsächlich welche zu verlangen.

    Quelle: Adresseavisen

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