Von Iran gesteuerte Milizen haben abermals versucht, die globale Energieversorgung ins Visier zu nehmen – diesmal mit Drohnen, die aus irakischem Gebiet auf saudische Ölanlagen abgefeuert wurden. Die saudische Luftabwehr hat die Flugkörper nach offiziellen Angaben abgefangen. Dass Angriffe auf zivile Infrastruktur kategorisch abzulehnen sind, versteht sich von selbst. Die eigentliche Lehre dieses Vorfalls geht jedoch weit über den Nahen Osten hinaus und betrifft den Kern westlicher Sicherheitspolitik.
Seit Jahren wiederholt sich dasselbe Bild: Teheran bestreitet offiziell jede Verantwortung, während es über ein Netzwerk von Milizen im Irak, im Jemen oder in Syrien agiert, um Ölanlagen zu treffen und den Energiemarkt zu destabilisieren. Das Muster ist bekannt, die Reaktion aus Europa bleibt bemerkenswert matt. Anstatt diese Machtspiele nüchtern zu benennen, dominiert in westlichen Hauptstädten die Hoffnung auf diplomatische Abkommen, die der Gegenseite vor allem eines verschaffen: Zeit für den weiteren Ausbau ihrer asymmetrischen Fähigkeiten.
Die Drohnen von heute sind nicht mehr die Bastelarbeit von gestern. Präzise, schwer zu orten und jederzeit über Grenzen hinweg einsetzbar, haben sie das Eskalationspotenzial kleiner Akteure vervielfacht. Ein einzelner Treffer auf eine Raffinerie kann binnen Stunden Millionenverluste verursachen und den Ölpreis weltweit in die Höhe treiben. Dennoch behandelt die energiepolitische Debatte in Skandinavien dieses Thema fast nur unter der Überschrift Klimawandel. Über die elementare Frage der Versorgungssicherheit redet man ungern – sie stört das moralisch aufgeladene Bild einer Welt, die man durch guten Willen verändern zu können glaubt.
Diese Wirklichkeitsverweigerung hat einen hohen Preis. Wer Energieimporte aus Krisenregionen zum Fundament des eigenen Wohlstands macht, ohne zugleich robuste Alternativen hochzuziehen, liefert sich selbst den Erpressungsversuchen unzuverlässiger Akteure aus. Die Nordsee allein wird den Ausfall nicht auffangen, und Windkraftanlagen können Raffinerien nicht ersetzen, wenn Lieferketten unterbrochen sind. Es ist kein Zufall, dass Länder mit eigener Atomkraft oder umfangreicher heimischer Förderung diese Debatten gelassener führen als jene, die sich auf den globalen Markt verlassen, als sei er eine naturgegebene Konstante.
Der Angriff auf saudische Anlagen ist deshalb mehr als eine Episode aus einer fernen Region. Er ist ein Warnsignal, dass geopolitische Naivität und das Beharren auf ideologisch getriebener Energiepolitik unmittelbare Konsequenzen für den Alltag in Europa haben können. Statt immer neue Sanktionen gegen Ölstaaten auszusprechen und gleichzeitig darauf zu hoffen, dass die Lieferungen schon nicht versiegen, wäre es an der Zeit, die eigenen Kartellgesetze zu überdenken, Genehmigungsverfahren für Rohstoffprojekte zu beschleunigen und Kernkraft nicht länger als Technologiefehler abzutun. Nur wer über gesicherte, eigene Quellen verfügt, kann sich den Spielen von Diktaturen und deren Stellvertretern entziehen. Alles andere ist fahrlässige Abhängigkeit, getarnt als Fortschritt.
Quelle: Aftenposten
