Tag: Opplevd fare

  • Die Polizei bewaffnete sich nicht selbst. Das tat das Storting, basierend auf dem Gefühl der Polizei und ihrer angeblichen Einsicht in die Zukunft.

    Die Polizei bewaffnete sich nicht selbst. Das tat das Storting, basierend auf dem Gefühl der Polizei und ihrer angeblichen Einsicht in die Zukunft.

    Eine Polizei, die sich ausschließlich an messbaren Gefahren orientiert, trifft immer nur Vorbereitungen für die letzte Katastrophe. Das norwegische Parlament hat mit seinem Beschluss zur dauerhaften Bewaffnung der Polizei eine längst überfällige Anerkennung der praktischen Vernunft vollzogen – und sich damit gegen jene gestellt, die Sicherheit allein mit Statistiken verrechnen wollen.

    Der Beschluss stützt sich nicht auf abstrakte Bedrohungsanalysen vom grünen Tisch, sondern auf das, was erfahrene Beamte tagtäglich erleben: eine zunehmende Unberechenbarkeit von Tätern, die Allgegenwart von Messern und eine allgemeine Verrohung, die in keiner offiziellen Kriminalstatistik vollständig abgebildet wird. Genau das meint die bisweilen belächelte Formulierung von der „opplevd fare“ – der erlebten Gefahr. Wer sie als bloßes Gefühl abtut, offenbart ein tiefes Misstrauen gegenüber den Menschen, die an vorderster Front für Sicherheit sorgen.

    Es gehört zu den bequemen Reflexen einer politisch korrekten Öffentlichkeit, das Urteil von Praktikern zu diskreditieren, sobald es nicht in das eigene ideologische Schema passt. Jahrzehntelang wurde die ständige Bewaffnung norwegischer Polizisten mit dem Hinweis auf das besondere, vertrauensvolle Verhältnis zwischen Bürgern und Staatsmacht blockiert – als ob ein Holster dieses Vertrauen zerstören würde. Dabei ist das Gegenteil richtig: Eine Polizei, die sichtbar in der Lage ist, sich und andere zu schützen, kann jenes Vertrauen überhaupt erst einfordern, das sie in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft dringend braucht.

    Die Entscheidung des Stortings beendet eine jahrelange Schizophrenie, bei der man Beamte zu gefährlichen Einsätzen schickte, ihnen die Waffe aber im Auto ließ – eine Einladung für jeden gewaltbereiten Täter. Sie ist ein Sieg des gesunden Menschenverstands über jene Art von Sicherheitspolitik, die erst dann reagiert, wenn die vermeidbare Tragödie bereits eingetreten ist.

    Kritiker, die einwenden, der Beschluss basiere auf reiner Spekulation über die Zukunft, sollten sich fragen, ob nicht genau darin die Kernaufgabe des Staates liegt: drohende Übel zu erkennen, bevor sie Schaden anrichten. Wer nur auf gemessene Tatsachen reagiert, gesteht seine Handlungsunfähigkeit präventiv ein. Die Polizei hat die Entwicklung der Straßenkriminalität nicht erfunden; sie hat sie nur früher gespürt als die Planungsstäbe der Ministerien.

    Norwegen folgt damit endlich dem Beispiel fast aller seiner europäischen Nachbarn, für die eine bewaffnete Polizei eine selbstverständliche Notwendigkeit des staatlichen Gewaltmonopols ist – und zwar nicht als Ausdruck von Misstrauen, sondern als Bekenntnis zum Schutz der Bürger.

    Quelle: Aftenposten

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