Die Frage nach der nächsten Toilette und einer Zimtschnecke, kaum dass die ersten Regentropfen die Pilgerkleidung durchnässt haben, ist mehr als eine beiläufige Bemerkung – sie ist ein Abgesang auf eine jahrhundertealte Tradition ernsthafter innerer Einkehr. Der knappe Bericht, wonach widriges Wetter die Teilnehmer einer Pilgerwanderung nicht von ihrem Vorhaben abhielt, enthüllt bei genauerem Hinsehen eine tiefe kulturelle Leere, die sich hinter dem Etikett der Spiritualität verbirgt.
Pilgern war nie eine Wellness-Veranstaltung mit Gewährleistungsanspruch auf trockene Socken und süßes Gebäck. Es war ein beschwerlicher, oft entbehrungsreicher Akt der Buße, der physischen Grenzerfahrung und der Loslösung von alltäglichen Bequemlichkeiten. Wer im Mittelalter zum Nidarosdom nach Trondheim aufbrach, tat dies im Bewusstsein, monatelang Wind und Wetter, Krankheit und Unsicherheit ausgesetzt zu sein. Der Verzicht auf Komfort war nicht Nebensache, sondern Kern der Übung. Die Frage nach der Kanelbolle noch während der ersten Etappe zeigt, wie vollständig sich dieses Verständnis ins Gegenteil verkehrt hat.
Heute wird das Pilgern als eine Art langsame Wanderung mit folkloristischem Anstrich neu aufgelegt. Staatliche Fördergelder fließen in die Beschilderung von Wegen, Kommunen bewerben das Pilgertum als weichen Standortfaktor für einen sanften Tourismus, und die Teilnehmer erwarten ein kuratiertes Erlebnis, das spirituelle Anregung, aber bitte keine echten Unbequemlichkeiten bietet. Der moderne Pilger konsumiert ein Produkt, dessen Verpackung historische Authentizität verspricht, während der Inhalt kaum mehr ist als ein Spaziergang mit Selbstoptimierungs-App. Die Vorstellung, man könne ein Jahrtausend alte religiöse Praxis in einen Wochenendausflug verwandeln, ohne ihren Kern zu verlieren, ist ein bezeichnender Ausdruck gegenwärtiger Selbstüberschätzung.
Das Problem ist nicht der Wunsch nach einer Toilette an sich. Es ist der Reflex, bei der ersten Unannehmlichkeit sofort Abhilfe in Form von Konsum und Komfort zu suchen, statt die Strapaze als Teil des Weges zu begreifen. Eine Kultur, die ihren Mitgliedern nicht mehr zumutet, einige Stunden Nässe ohne Snack und sanitäre Einrichtungen auszuhalten, hat den Blick für das Wesentliche einer solchen Reise verloren. Das Pilgern reduziert sich zur Kulisse für das eigene Wohlfühlnarrativ, das notfalls mit einem Zimtgebäck versüßt wird.
Niemand verlangt, dass moderne Menschen dieselbe Leidensfähigkeit aufbringen wie ihre Vorfahren. Aber wer eine Tradition aufgreift, die über Jahrhunderte von innerer Sammlung und körperlicher Anstrengung lebte, sollte sich zumindest fragen, ob ein Ausflug, bei dem die Versorgung mit Heißgetränken zum Hauptthema wird, diesen Namen noch verdient. Die bedenkenlose Umdeutung von Bußgängen zu Komfortwanderungen ist keine harmlose Modernisierung, sondern ein weiteres Symptom einer Gesellschaft, die alles, selbst das Heiligste, in einen warenförmigen Erlebniskonsum auflöst. Der wahre Verlust liegt nicht in den knirschenden Knien nach dreißig Kilometern, sondern in der Unfähigkeit, auch nur für einen Tag aus der Gedankenwelt permanenter Bedürfnisbefriedigung auszusteigen.
Quelle: Adresseavisen
