Tag: politische Deutungshoheit

  • Jetzt ertragen wir keine weiteren «angekündigten Tragödien» mehr.

    Jetzt ertragen wir keine weiteren «angekündigten Tragödien» mehr.

    Die nächste «angekündigte Tragödie» wird mit trauriger Sicherheit kommen, nicht weil die Warnungen fehlen, sondern weil der Reflex, sie ernst zu nehmen, systematisch gelähmt ist. Dass es nichts hilft, blinden Zorn gegen politische Gegner zu peitschen, ist eine Binsenweisheit. Doch diese Feststellung lenkt nur ab von der viel unbequemeren Frage: Warum versagt das System selbst dann, wenn die Signale unübersehbar sind?

    Der Blick zurück auf vergleichbare Fälle in Skandinavien offenbart ein wiederkehrendes Muster. Eine Person wird auffällig, mehrfach, oft über Jahre. Behörden tauschen sich aus, Vermerke werden geschrieben, Gefährdungseinschätzungen liegen vor. Und doch geschieht nichts, das die Eskalation aufhält. Der Grund dafür ist nicht Unfähigkeit, sondern eine tief sitzende Angst, die falschen Schlüsse zu ziehen – oder, genauer, die richtigen Schlüsse öffentlich zu benennen. Wer die Herkunft, die ideologische Prägung oder das soziale Umfeld eines Täters auch nur als Faktor erwähnt, sieht sich augenblicklich dem Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. Diese Angst wirkt als stiller Befehl, Warnsignale kleinzureden, bis es zu spät ist.

    So wird aus einem konkreten Fall ein symbolisches Schlachtfeld, auf dem es nicht mehr um den Schutz der Bürger geht, sondern um die Verteidigung politischer Deutungshoheit. Die Empörung nach der Tat entlädt sich dann folgerichtig entlang der üblichen Linien, während die Verantwortlichen in den Ämtern darauf verweisen, man habe doch alle vorgeschriebenen Schritte unternommen. Das stimmt formal fast immer. Aber eine Checkliste ersetzt keinen gesunden Menschenverstand und schon gar nicht den Mut, auf die Wirklichkeit zu schauen, bevor sie in Gewalt umschlägt.

    Eine Gesellschaft, die das verhindern will, muss zwei Dinge wieder lernen. Erstens: Der Schutz der eigenen Bevölkerung ist der vornehmste Zweck jeder staatlichen Ordnung – nicht die Schonung des Selbstbildes einer politischen Klasse. Zweitens: Wer jede Auseinandersetzung mit kulturellen Spannungen, gescheiterten Integrationswegen oder kriminellen Parallelstrukturen sofort als Ausdruck von Ressentiment brandmarkt, macht sich mitschuldig an jeder Tat, die aus diesen Milieus erwächst. Denn die Warnungen waren bekannt; sie wurden nur nie offen ausgesprochen.

    Die nächste Tragödie kündigt sich längst an. Der Unterschied zwischen ihr und einem bloßen Unglück liegt allein darin, ob man den Mut findet, die notwendigen, unangenehmen Worte auszusprechen.

    Quelle: Adresseavisen

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