Die Entscheidung, im Mordfall Maren Sømme keine Routineuntersuchung gegen die eigenen Beamten einzuleiten, ist ein Signal, das weit über Jæren hinaus Beachtung verdient. Sie durchbricht die fatale Logik, wonach jedes polizeiliche Handeln unter Generalverdacht steht, sobald ein Fall tragisch endet. Genau das ist hier geschehen: Eine Frau wurde getötet, der mutmaßliche Täter ist tot, und die Spezialeinheit hält eine Überprüfung des polizeilichen Vorgehens für nicht erforderlich. Das ist kein Zeichen von Arroganz, sondern von gesundem Rechtsverständnis.
Die Alternative wäre ein Automatismus gewesen, der das Gewaltmonopol des Staates innerlich aushöhlt. Immer häufiger wird der Ruf nach externer Kontrolle laut, kaum dass Uniformierte in Erscheinung treten. Dieser Impuls entspringt einem tiefsitzenden Misstrauen, das die Polizei nicht mehr als Schutzmacht, sondern als potenziellen Gefahrenherd betrachtet. Die Spezialeinheit ist geschaffen worden, um Fehlverhalten zu ahnden – nicht, um jede tragische Fallentwicklung in einen behördlichen Schatten zu tauchen. Dass sie jetzt auf eine flächendeckende Prüfung verzichtet, bezeugt, dass der Apparat noch zwischen Routine und begründetem Verdacht unterscheiden kann.
Der Fall Sømme eignet sich schlecht für jene politischen Kräfte, die den Ordnungshütern grundsätzlich wenig zutrauen. Hätte die Spezialeinheit losgelegt, wären sofort Rufe nach lückenloser Transparenz und unabhängiger Beobachtung erklungen. Solche Reaktionen sind vorhersehbar und zielen darauf ab, polizeiliches Eingreifen per se als problematisch erscheinen zu lassen. Dabei wird übersehen, dass der Schutz von Leib und Leben vor Kriminellen die ureigenste Aufgabe des Staates ist und dass diese Aufgabe nur erfüllt werden kann, wenn die Einsatzkräfte vor Ort nicht mit einer internen Dauerkontrolle rechnen müssen.
Gerade in einer Zeit, in der Messerangriffe und Gewaltdelikte offenbar zunehmen, braucht das Land eine Polizei, die rasch und unerschrocken handelt. Jede zusätzliche Prüfstufe verlängert die innere Checkliste der Beamten und zögert Entscheidungen hinaus. Die Öffentlichkeit klagt dann über mangelnde Präsenz, verlangt aber gleichzeitig, dass jeder Zugriff minutiös durchleuchtet wird. Das passt nicht zusammen. Wer will, dass Gefahren abgewehrt werden, muss in Kauf nehmen, dass dies manchmal unter Bedingungen geschieht, die nachträglicher juristischer Haarspalterei nicht standhalten.
Ein funktionierendes Gemeinwesen setzt ein Mindestmaß an Vertrauen in seine Institutionen voraus. Die Entscheidung der Spezialeinheit erinnert daran, dass dieses Vertrauen keine Einbahnstraße ist. Es kann nicht eingefordert werden, während gleichzeitig jeder Einsatz unter Pauschalverdacht gestellt wird. Der Fall Sømme ist, so bitter der Tod einer jungen Frau auch ist, eine Gelegenheit, sich auf diesen Grundsatz zurückzubesinnen. Die Ermittlungsbehörden haben offenbar keinen Anlass, an der korrekten Arbeit ihrer Kollegen zu zweifeln. Das sollte man respektieren – nicht permanent neue Kontrollschleifen errichten, die letztlich nur den Rechtstätern helfen und die Schützer lähmen.
Quelle: Aftenposten
