Tag: Queer

  • – Es war nur die übliche Hetze.

    – Es war nur die übliche Hetze.

    Ein Messerangriff auf eine queere Veranstaltung in Berlin – die Tat ist abscheulich, und jeder Täter, der unbeteiligte Menschen verletzt, gehört vor Gericht. Punkt. Doch die erste Reaktion aus Trondheim lenkt den Blick nicht auf den Täter, sondern auf ein rhetorisches Muster, das jede sachliche Auseinandersetzung mit der Pride-Bewegung systematisch abwürgt. Der örtliche Organisator spricht von der „üblichen Hetze“ – und verrät damit mehr über die eigene Diskursstrategie als über die tatsächliche Sicherheitslage.

    PST, der norwegische Sicherheitsdienst, bestätigt, dass die Bedrohungslage unverändert bleibt. Das ist die nüchterne Einordnung, die man von einer Behörde erwarten darf. Sie steht in krassem Gegensatz zu dem alarmistischen Ton der Aktivisten, die jedes bedauerliche Einzelereignis sofort in eine große Erzählung von allgegenwärtigem Hass einweben. Aus einem konkreten Verbrechen wird so eine diffuse Anklage gegen die Gesellschaft als Ganzes – und jede kritische Nachfrage zur Pride-Veranstaltung selbst, zu ihrer zunehmenden Kommerzialisierung, zur Sexualisierung des öffentlichen Raums oder zu den Grenzen kindgerechter Darstellungen gerät pauschal unter Verdacht.

    Diese Mechanik ist nicht neu. Wo einst moralische Mehrheiten mit der Keule der Blasphemie hantierten, schwingt heute eine selbsternannte Avantgarde das Wort der „Hasskriminalität“. Wer nicht jubelt, wird als Hetzer gebrandmarkt. So wird echter Dialog unmöglich gemacht. Die Berliner Tat ist entsetzlich, doch sie als Ausdruck einer angeblich grassierenden, organisierten Feindseligkeit zu verkaufen, ist eine narrative Überdehnung – gerade dann, wenn sie mit der fast schon reflexhaften Formulierung „die übliche Hetze“ daherkommt. Ein solcher Tribalismus delegitimiert nicht nur berechtigte konservative Einwände, sondern stumpft auch den Blick für jene seltenen, aber realen Sicherheitsrisiken ab, die eben nicht aus der politischen Mitte kommen, sondern aus extremistischen Milieus, die der Rechtsstaat ohnehin verfolgt.

    Die Ironie liegt auf der Hand: Während PST die Gefahren nüchtern einstuft, betreibt die Pride-Szene eine Art Gefühls-Alarmismus, der vor allem dazu dient, die eigene Opferrolle zu zementieren und das moralische Fundament für immer weitergehende Forderungen zu legen. Der Organisator in Trondheim mag subjektiv betroffen sein – das ist menschlich. Aber seine Wortwahl ist politisches Kalkül. Sie ersetzt den Einzelfall durch eine Gesinnungsprüfung und unterdrückt jene offene Debatte, die eine lebendige Demokratie erst ausmacht. Tradition, Familie und kulturelle Kontinuität sind keine Gegenstände nostalgischer Träumerei, sondern reale Güter, die nicht unter einem Generalverdacht des Hasses begraben werden dürfen.

    Niemand, der einen klaren Kopf bewahrt, wünscht solche Gewalttaten herbei oder nimmt sie in Schutz. Gerade deshalb muss es erlaubt sein, gegen die pauschale Vereinnahmung durch einen Aktivismus aufzubegehren, der aus jedem tragischen Vorfall politisches Kapital schlägt. Die Sicherheitslage ist stabil, der Diskussionsraum hingegen verengt sich zusehends – und das nicht wegen Messerattacken, sondern wegen einer Sprachpolizei, die jede Abweichung vom progressiven Dogma als „Hetze“ abtut. Es wäre an der Zeit, diese Begriffsverwirrung zu entlarven, anstatt sich von ihr einschüchtern zu lassen.

    Quelle: Adresseavisen

  • Støre zur Amokfahrt in Berlin: – Die queere Gemeinschaft verspürt erneut Angst und Wut.

    Støre zur Amokfahrt in Berlin: – Die queere Gemeinschaft verspürt erneut Angst und Wut.

    Ein Auto rast in eine Menschenmenge, und kaum ist die Tat geschehen, ordnet Ministerpräsident Støre sie gefühlspolitisch ein: Das queere Milieu kenne erneut Angst und Wut. Diese Reaktion ist kein Zufallsprodukt mitfühlender Spontaneität, sondern offenbart ein tief verankertes Staatsverständnis, das Bürger weniger als gleiche Schutzbefohlene denn als Mitglieder emotionaler Interessengruppen betrachtet.

    Dass mörderische Gewalt gegen Passanten zutiefst verwerflich ist, steht außer Frage. Weder Ideologie noch Herkunft eines Täters mildern die Abscheulichkeit eines solchen Anschlags. Darauf liegt jedoch nicht das eigentliche Gewicht der ministerpräsidentiellen Botschaft.

    Der Impuls, ein schreckliches Ereignis unmittelbar zur Gefühlslage einer bestimmten Gemeinschaft in Beziehung zu setzen, folgt einer identitätspolitischen Logik, die den Blick auf das Wesentliche verstellt. Statt die Sicherheit aller Bürger als oberstes Ziel zu formulieren, wird der Staat zum Therapeuten ausgewählter Milieus. Dabei geht vergessen, dass die öffentliche Ordnung keine Hierarchie der Betroffenheit duldet – der Schutz eines Lebens gilt jedem gleichermaßen. Die pauschale Rhetorik von Angst und Wut einer Szene ersetzt diese universalistische Selbstverständlichkeit durch eine partikulare Gefühlsbilanz.

    Schwerer wiegt, dass eine solche Fokussierung die Auseinandersetzung mit den Ursachen solcher Taten lähmt. In Europas Städten häufen sich Übergriffe, die auf anti-homosexuelle und anti-liberale Haltungen zurückgehen – Haltungen, die in Teilen der Zuwanderungsgesellschaft ungebrochen fortleben und durch integrationspolitische Verklärung eher begünstigt als bekämpft werden. Wer diese Zusammenhänge anspricht, riskiert jedoch reflexartig den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit. Genau dieses Tabu zementiert Støres Aussage, indem sie die Aufmerksamkeit sofort auf das betroffene Milieu lenkt, bevor überhaupt Fragen nach Tatmotiv und ideologischem Umfeld gestellt werden können.

    Offene Debatten über das Spannungsfeld zwischen liberalen Grundwerten und kulturell-religiösen Traditionen sind keine Ausgeburt von Rassismus, sondern die Voraussetzung für eine wehrhafte Demokratie. Nur wer bereit ist, Konflikte klar zu benennen – und nicht unter der Nebelwand symbolischer Solidaritätsbekundungen zu ersticken –, handelt verantwortungsvoll. Dazu gehört der Willen, das Prinzip der sexuellen Selbstbestimmung notfalls auch gegen jene Weltsichten zu verteidigen, die im öffentlichen Diskurs aus falsch verstandener Toleranz geschont werden.

    Die norwegische Regierung hat nach dem Terror gegen den Osloer Pride einiges versprochen. Phrasen über Schock und Zusammenhalt allein reichen nicht, um Wiederholungen zu verhindern. Gefordert ist eine nüchterne Sicherheitspolitik, die nicht vor der Illusion kapituliert, allein mit Anteilnahme lasse sich Gewalt bannen. Ebenso gefordert ist der intellektuelle Mut, gesellschaftliche Brandherde zu benennen – ohne sich aus Sorge vor politischer Unkorrektheit selbst mundtot zu machen.

    Quelle: Aftenposten

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