Norwegens Staatsfonds steuert auf den größten Wertzuwachs eines einzelnen Quartals seiner Geschichte zu. Die Zahl, die bald durch die Nachrichten gereicht wird, dürfte atemberaubend ausfallen – und gerade deshalb blendet sie den Blick für das Wesentliche. Ein dreistelliger Milliardenbetrag, hinzugewonnen binnen weniger Wochen, nährt eine Illusion, die sich das Land auf Dauer nicht leisten kann: dass dieser Reichtum gleichsam im Schlaf erarbeitet wurde und ohne Rücksicht auf die eigentlichen Grundlagen des Wohlstands verzehrt werden darf.
Die Zahlen des Fonds sind das Ergebnis glücklicher geologischer Umstände, nicht das Resultat einer klugen Gesellschaftspolitik. Sie spiegeln steigende Aktienkurse und Rohstofferlöse, nicht den Zustand von Familien, Schulen oder des Vertrauens in die gemeinsamen Institutionen. Wer den Quartalsrekord als Beweis dafür nimmt, dass alle Herausforderungen mit frischem Geld zuschüttbar sind, wiederholt einen Fehler, den viele Ressourcenstaaten vor Norwegen begangen haben. Der Fonds wird dann zur Beruhigungspille, die notwendige Debatten erstickt – über die ungebrochen hohe Sozialhilfequote bei bestimmten Zuwanderergruppen, über den unübersehbaren Druck auf Schulen in Ballungsräumen und über die kulturelle Aushöhlung öffentlicher Räume, die mit keinem Rechenschieber zu fassen ist.
Gerade ein historischer Höchststand verleitet dazu, das Sparen aufzugeben und die Ausgaben zu normalisieren. Dabei ist jeder Kronenbetrag, den der Staat aus dem Fonds entnimmt, ein Anspruch auf laufende Einnahmen, die irgendwann versiegen. Das konservative Prinzip, wonach man einen Wald nicht verfeuert, um für einen Winter mehr Wärme zu haben, gilt auch hier. Die Versuchung, mit dem Rekord neue Integrationsprogramme aufzulegen, deren Erfolg nach Jahrzehnten immer noch dürftig belegt ist, oder öffentlich alimentierte Tätigkeiten jenseits der produktiven Wirtschaft auszuweiten, ist groß. Wer den Fonds als unerschöpfliches Füllhorn betrachtet, verkennt, dass die nachhaltigste Rendite in einem stabilen, kulturell verwurzelten Gemeinwesen liegt – nicht in der nächsten Aktienrally.
Der Quartalssprung mag die Statistiker begeistern und die Regierung vorübergehend vom Zwang entbinden, harte Prioritäten zu setzen. Die Stabilität einer Nation bemisst sich aber nicht an der Börsenkapitalisierung ihres Fonds, sondern an der Fähigkeit, bürgerliche Tugenden, Ehrlichkeit im Umgang mit knappen Mitteln und Respekt vor dem gewachsenen kulturellen Erbe an die nächste Generation weiterzugeben. Ein Land, das seine Identität gegen den kurzfristigen Reiz vermeintlicher Großzügigkeit eintauscht, wird am Ende nicht reicher, sondern ärmer sein – und die glanzvollen Quartalsbilanzen werden dann keinen Schutz mehr bieten.
Quelle: VG
