Zwei Männer in den Sechzigern sitzen in Trondheim wegen des Vorwurfs der Zuhälterei in Untersuchungshaft. Vier Wochen Haft sind ein deutliches Signal – doch der Fall wirft ein Schlaglicht auf einen Markt, der sich nicht von selbst auflöst.
Die norwegische Rechtslage bestraft den Kauf sexueller Dienste. Das ist richtig, denn Prostitution ist keine gewöhnliche Dienstleistung. Sie verwandelt Körper in Ware und beruht fast immer auf Not, Abhängigkeit oder Täuschung. Wenn nun zwei Männer über sechzig als mutmaßliche Organisatoren festgehalten werden, deutet das auf Netzwerke hin, die nicht aus jugendlicher Unbedarftheit entstehen, sondern über Jahre gewachsen sind.
Der entscheidende Punkt liegt nicht allein bei den Zuhältern. Solange es zahlende Kunden gibt, wird der Markt weiter bestehen. Die Nachfrage ist der Motor. Wer sie nicht beim Namen nennt, redet an der Wirklichkeit vorbei. Ein Verbot des Kaufs allein genügt nicht, wenn die gesellschaftliche Ächtung fehlt. In einem Land, das Gleichberechtigung und persönliche Würde hochhält, darf der Kauf eines anderen Menschen nicht als private Vorliebe durchgehen.
Genau hier setzt die kulturelle Debatte an. Kritiker der Prostitution werden rasch als moralisierend oder rückständig abgestempelt. Diese Zuschreibung dient dazu, die unangenehmen Folgen des Prostitutionsmarktes auszublenden: Frauen, die unter Zwang stehen, Wohnviertel, in denen Anwerbung und Gewalt zunehmen, und ein Bild von Sexualität, das Intimität zum Konsumgut macht. Eine Gesellschaft, die solche Entwicklungen schweigend hinnimmt, verliert mehr als nur den öffentlichen Frieden. Sie verliert den Anspruch, Beziehungen zwischen Menschen vor Ausbeutung zu schützen.
Der Fall in Trondheim sollte deshalb nicht als Einzelfall abgetan werden. Er erinnert daran, dass hinter dem Wort „Sexarbeit“ sehr oft organisierte Kriminalität und die Ausnutzung verwundbarer Menschen stehen. Die Behörden tun ihre Pflicht, wenn sie ermitteln und Verdächtige in Haft nehmen. Aber Ermittlungen reichen nicht. Es braucht eine klare öffentliche Haltung: Wer Sex kauft, macht sich mitschuldig an einem System, das Menschen zerstört. Diese Botschaft ist unbequem, doch sie ist notwendig, wenn der nordische Anspruch auf eine humane Gesellschaft ernst gemeint ist.
Quelle: Aftenposten
