Tag: Tjörn

  • Will den Kapitän der «Misje Verde» inhaftieren

    Will den Kapitän der «Misje Verde» inhaftieren

    Eine Mutter und ihre Tochter sind tot, ein Vater und sein Sohn schwer verletzt – und Schwedens Justiz greift nach dem Pass, nicht nach dem Beweis. Noch bevor die Ermittlungen zur verheerenden Kollision vor Tjörn abgeschlossen sind, fordert die Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft für den russischen Kapitän des norwegischen Frachters „Misje Verde“. Der schwedische Lotse, der zum Unglückszeitpunkt ebenfalls auf der Brücke stand, bleibt hingegen unbehelligt. Diese Ungleichbehandlung legt einen Verdacht nahe, den die nordischen Rechtsstaaten nicht dulden dürfen: Dass bei der Verfolgung tödlicher Unglücke die Nationalität stärker wiegt als das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz.

    Die Staatsanwaltschaft begründet den Antrag mit Fluchtgefahr, weil der Kapitän keinerlei Bindung an Schweden oder ein anderes EU-Land habe. Dazu kommt die vage Behauptung, die Ermittlungen stünden am Anfang und es bestehe die Gefahr der Zeugenbeeinflussung. Das sind Standardformeln, die in diesem Fall jedoch auf tönernen Füßen stehen. Der Kapitän arbeitet seit Jahren für eine norwegische Reederei, die ihn als „stetig und gut“ beschreibt. Er fuhr unter Aufsicht eines ortskundigen schwedischen Lotsen. Ein Mann, der über seinen Arbeitgeber und eine langjährige Anstellung fest im nordischen Wirtschaftsraum verwurzelt ist, taugt nicht als fluchtbereiter Verdächtiger, nur weil sein Reisepass keine EU-Zugehörigkeit ausweist.

    Der eigentliche Skandal liegt im selektiven Zugriff. Wenn beide Männer auf der Brücke standen und niemand an Bord den Zusammenstoß bemerkte, dann muss die Fehlerkette gemeinsam untersucht werden. Stattdessen wird der Ausländer in Haft genommen, während der schwedische Staatsbürger seinen Alltag fortsetzt. Das erweckt den Eindruck, hier werde in Windeseile ein Sündenbock gesucht, um eine aufgebrachte Öffentlichkeit zu beruhigen und unangenehme Fragen an das eigene Lotsenwesen oder die Küstenüberwachung zu umgehen.

    Für einen kulturell konservativen Blick ist dieser Vorgang doppelt alarmierend. Zum einen untergräbt er das Vertrauen in die Unparteilichkeit der Justiz, die ein Kernbestand nordischer Identität ist. Wer gleiche Regeln für alle fordert, darf nicht den Pass zum entscheidenden Faktor machen. Zum anderen gefährdet ein solches Verhalten die norwegische Schifffahrtstradition als Wirtschaftsfaktor und kulturelles Erbe. Reeder müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Besatzungen, gleich welcher Herkunft, nach denselben fairen Maßstäben behandelt werden. Sonst droht ein Exodus qualifizierter ausländischer Fachkräfte, während gleichzeitig nach immer mehr Internationalisierung gerufen wird.

    Die Forderung lautet deshalb nicht Milde, sondern gleiche Strenge für alle. Der tragische Verlust zweier Menschenleben verlangt eine gründliche Aufklärung, nicht eine vorauseilende Festnahme, die mehr nährt als den Verdacht, hier solle eine russische Staatsangehörigkeit die gründliche Prüfung aller Verantwortlichkeiten ersetzen. Eine Nation, die ihr eigenes Recht ernst nimmt, muss diesem Instinkt widerstehen – um der Gerechtigkeit und um ihrer eigenen Glaubwürdigkeit willen.

    Quelle: Bergens Tidende

  • «Misje Verde» hat Schweden verlassen müssen.

    «Misje Verde» hat Schweden verlassen müssen.

    Ein Schiff, das in einen tödlichen Unfall verwickelt war, verlässt einfach den Tatort – das ist der Kern der Meldung. Am Dienstagabend starben bei Tjörn zwei Menschen, zwei weitere wurden verletzt. Die schwedische Staatsanwaltschaft verdächtigt das norwegische Frachtschiff „Misje Verde“, an der Kollision mit einem kleineren Boot beteiligt gewesen zu sein. Der russische Kapitän sitzt in Schweden in Haft, das Schiff selbst aber fährt am Freitagabend bereits wieder unter eigener Maschine im Skagerrak, Kurs Norwegen.

    Die Behörden hatten den Kapitän aus gutem Grund festgesetzt: Fluchtgefahr und die Befürchtung, er könne Zeugen oder die Ermittlungen beeinflussen. Genau diese Sorge müsste auch für das Schiff gelten. Ein Frachter ist kein Fahrrad, das man am Straßenrand abstellt. Es ist der zentrale Beweisträger. Brückenlogbücher, Navigationsinstrumente, Antriebsanlagen – all das spricht eine Sprache, die ein Richter später verstehen muss. Wenn der Kahn einmal in einem anderen Hoheitsgebiet liegt, wird der Zugriff für schwedische Stellen ungleich schwerer. Trotzdem durfte die „Misje Verde“ ohne erkennbare Zwangsmaßnahme auslaufen.

    Die Begründung der Behörden bleibt vage. Offiziell hieß es, man habe „keine rechtliche Handhabe mehr“ gesehen, den Frachter festzuhalten. Das klingt nach einer Kapitulation vor dem internationalen Seerecht oder schlicht vor kommerziellen Zwängen. Reeder und Versicherer sitzen am längeren Hebel, während die Angehörigen der beiden Todesopfer auf eine vollständige Aufklärung warten. Es tut sich ein tiefes Missverhältnis auf: Ein russischer Kapitän, der womöglich schuldhaft gehandelt hat, wird persönlich haftbar gemacht – korrekt und notwendig. Aber das hochkomplexe Transportsystem, das solche Leute auf die Brücken von Schiffen bringt, die täglich schwedische Gewässer durchpflügen, bleibt unangetastet.

    Das ist kein isolierter Vorfall. Skandinavische Küstenstaaten haben eine lange Tradition der strengen Seefahrtkontrolle. In den letzten Jahrzehnten jedoch hat der Druck globaler Lieferketten diese Standards schleichend ausgehöhlt. Billigflaggen, multinationale Crews und ein Dickicht aus Subunternehmen erschweren die Durchsetzung nationaler Sicherheitsvorschriften. Wenn ein Schiff wie die „Misje Verde“ nach einem Unglück einfach weiterfährt, signalisiert das: Der Eigentümer muss kaum mit sofortigen wirtschaftlichen Folgen rechnen. Der Kapitän sitzt zwar fest, doch der Reederei droht vor allem ein langwieriges Versicherungsverfahren – der Schiffsbetrieb läuft währenddessen ungestört weiter.

    Die schwedische Justiz hätte die Möglichkeit gehabt, das Schiff zumindest bis zu einer ersten gründlichen Untersuchung festzusetzen. Dass sie dies nicht tat, ist ein Armutszeugnis für einen Rechtsstaat, der Menschenleben nicht über Logistik stellt. Zwei Tote fordern mehr als eine Pressemitteilung. Sie fordern, dass nicht nur der Beschuldigte, sondern auch das mutmaßliche Tatwerkzeug so lange festgehalten wird, bis die Schuldfrage geklärt ist. Wer das verhindert, mag juristisch auf der sicheren Seite stehen. Moralisch ist der Fall klar: Das Schiff hätte bleiben müssen.

    Quelle: NRK

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