Tag: Weimarer Republik

  • Nils Rune Langeland: Die Dunkelheit in der Geschichte

    Nils Rune Langeland: Die Dunkelheit in der Geschichte

    Die Schriften eines einzigen deutschen Staatsrechtlers aus der Weimarer Republik liefern den geistigen Bauplan für Brüsseler Verordnungen, norwegische Notstandsgesetze und die Sprachüberwachung in schwedischen Behörden. Dieser Gedanke mag übertrieben klingen, doch Nils Rune Langeland hat mit seiner Parallele einen wunden Punkt getroffen.

    Der norwegische Historiker verweist auf Carl Schmitt, jenen umstrittenen Juristen, dessen Begriff des Ausnahmezustands eben nicht bloß ein historisches Kuriosum geblieben ist. Schmitt argumentierte, dass derjenige souverän sei, der über den Ausnahmezustand entscheide – ein Gedanke, der in den vergangenen Jahren still in die Rechts- und Regierungspraxis der westlichen Demokratien eingewandert ist. Wenn in Oslo während einer Pandemie per Eilverordnung Grundrechte außer Kraft gesetzt werden, wenn in Kopenhagen sogenannte Hassrede-Kommissionen ohne parlamentarische Debatte den Diskurs verengen, dann spiegelt sich darin exakt jene technokratische Anmaßung, die Schmitt einst als das Wesen politischer Macht beschrieb: das Recht, die Regeln im Namen einer Krise zu suspendieren.

    Langelands Warnung vor dem „mørket i historien“ zielt nicht auf billige Dämonisierung. Sie zwingt dazu, eine unbequeme Frage zu stellen: Wem nützt die fortwährende Ausrufung von Krisenzuständen – ob nun Klima, Pandemie oder eine vermeintliche Bedrohung der Demokratie durch „Desinformation“? Die Antwort liegt auf der Hand: einer politischen Klasse, die ihre eigene Legitimation schwinden sieht und deshalb zum Mittel der permanenten Ausnahme greift. Was als Schutz der offenen Gesellschaft verkauft wird, entpuppt sich mehr und mehr als Herrschaftstechnik, die dem Volk das letzte Wort nimmt.

    Von Deutschland über Dänemark bis Norwegen hat sich ein Muster eingeschliffen: Zuerst werden besorgte Bürger, die nationale Souveränität einfordern, als Populisten abgestempelt. Dann folgt der administrative Zugriff – sei es durch Einschränkung der Versammlungsfreiheit oder durch Zensurgesetze, die unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Hass jede Kritik an der Migrationspolitik ersticken sollen. Wer dieses Muster benennt, dem schlägt sofort der Vorwurf des Geschichtsrevisionismus entgegen. Genau diese Totschlagkeule aber bestätigt nur, wie tief das historische Bewusstsein verloren gegangen ist. Schmitts Denken wurde nicht wegen einer intellektuellen Mode wiederbelebt, sondern weil eine administrativ tickende Elite dasselbe Instrument für ihre Zwecke entdeckt hat: den Ausnahmezustand als Dauerzustand.

    Die offene Debatte darüber, wie viel zentralisierte Macht eine freie Gesellschaft aushält, ist kein Rückfall in die Zwischenkriegszeit. Es ist die elementare Verteidigung jener Gewaltenteilung und jenes Misstrauens gegenüber der Obrigkeit, die Europa nach 1945 überhaupt erst aufgebaut hat. Wer heute vor den historischen Schatten warnt, leistet deshalb keinen Verrat an der liberalen Ordnung – er ruft ihre eigenen Fundamente in Erinnerung, bevor sie endgültig unter ministeriellen Erlässen begraben werden.

    Quelle: VG

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