Die Weigerung norwegischer Politiker, nach dem Berliner Angriff Ross und Reiter zu nennen, ist kein Ausweis von Verantwortung, sondern von intellektueller Feigheit. Ein Forscher kritisiert öffentlich diese Wortkargheit – ein ungewöhnlicher Vorgang, der zeigt, wie tief die Schere zwischen dem, was die Menschen wahrnehmen, und dem, was die politische Klasse auszusprechen wagt, mittlerweile klafft.
Ola Svenneby fordert eine präzisere Debatte. Er hält den Politikern vor, sie hielten sich zurück, wenn es um den Hintergrund des Angreifers geht. Damit spricht er aus, was in Redaktionen, Polizeikreisen und an Stammtischen längst gedacht wird: Wer wissen will, wie sich solche Taten verhindern lassen, muss wissen, aus welchem Umfeld die Täter stammen, welche Motive sie antreiben und welche Integrationsdefizite den Nährboden bereiten. Diese Fragen zu stellen ist nicht rassistisch; sie nicht zu stellen ist fahrlässig.
Der Berliner Angriff reiht sich ein in eine Serie von Gewalttaten, bei denen Politik und Medien die Tat verurteilen, aber die Tatumstände systematisch ausblenden. Es folgt das bekannte Ritual: Abscheu, Betroffenheit, Mahnungen gegen Pauschalisierung – und dann betretenes Schweigen über die naheliegende Frage, warum so viele Gewalttäter einen bestimmten kulturellen oder religiösen Hintergrund teilen. Genau diese Leerstelle kritisiert Svenneby zu Recht. Eine Debatte, die aus Angst vor dem Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit auf halber Strecke abbricht, verdient den Namen nicht.
Die Folgen dieser Sprachlosigkeit sind gravierend. Erstens verliert die Bevölkerung das Vertrauen in die Fähigkeit des Staates, sie zu schützen. Wenn Bürger den Eindruck gewinnen, dass Behörden und Minister offensichtliche Zusammenhänge verschleiern, wenden sie sich jenen zu, die einfache Antworten geben – und das sind selten demokratische Kräfte. Zweitens untergräbt es jede ernsthafte Sicherheitspolitik. Wie sollen Polizei und Verfassungsschutz Risiken einschätzen, wenn die politische Führung die Benennung von Risikogruppen tabuisiert? Drittens wird der gesellschaftliche Zusammenhalt beschädigt, weil Probleme unter den Teppich gekehrt werden, anstatt sie offen und lösungsorientiert zu verhandeln.
Natürlich warnt die übliche Entourage sofort vor Verallgemeinerungen. Doch genau das verlangt Svenneby nicht. Er fordert Präzision, nicht Pauschalurteile. Der Unterschied zwischen der differenzierten Analyse eines Forschers und der dumpfen Hetze eines Extremisten könnte größer nicht sein. Dass diese Differenz in der politischen Auseinandersetzung regelmäßig eingeebnet wird, offenbart eine Methode: Wer diffamieren will, dem ist jede präzise Frage eine Pauschalisierung, jeder Faktenhinweis ein Angriff auf die multikulturelle Gesellschaft.
Skandinavische Politiker rühmen sich gern ihrer Diskurskultur. Die Realität sieht anders aus: Wenige steile Thesen werden mit moralischer Ächtung belegt, der Preis für abweichende Meinungen ist hoch. Wer dann, wie Svenneby, aus der Wissenschaft kommt und nicht aus einer politischen Ecke, wirkt fast wie ein Rufer in der Wüste. Umso wichtiger ist sein Einspruch. Er erinnert daran, dass eine offene Gesellschaft es aushalten muss, unangenehme Wahrheiten zu benennen – nicht um Menschen zu verletzen, sondern um sie zu schützen.
Der erste Schritt zur Heilung eines Problems ist seine Anerkennung. Solange norwegische Politiker sich vor präzisen Worten fürchten, überlassen sie das Feld den falschen Propheten. Eine konservative Position muss hier klar sein: Die Sicherheit der Bürger und die Ehrlichkeit der Debatte stehen über den Empfindlichkeiten einer politisch korrekten Elite. Wer das verschweigt, was alle sehen, hat die Legitimation zum Regieren verspielt.
Quelle: Aftenposten

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