Jugendliche, die sich an TikTok-Videos orientieren, um Raub und Vergewaltigung zu begehen – diese Anklage ist ein Alarmsignal. Es geht nicht um einen dummen Streich, sondern um schwerste Straftaten, für die es keine Entschuldigung gibt. Dass die mutmaßlichen Opfer der Prostitution nachgehen, macht die Taten nicht weniger verwerflich. Wer die Würde anderer mit Füßen tritt, verdient keine mildernden Umstände.
Die Ermittler sehen in den Clips eine gefährliche Anleitung und appellieren an die Eltern, den Medienkonsum ihrer Kinder zu überwachen. Doch dieser Appell kommt spät. Der Fall offenbart ein doppeltes Versagen. Zum einen haben viele Eltern offenbar keine Kontrolle mehr darüber, was ihre halbwüchsigen Söhne stundenlang auf dem Smartphone ansehen. Zum anderen hat die öffentliche Debatte es versäumt, klare Grenzen zu benennen. Stattdessen wird jeder Versuch, Normen einzufordern, als autoritär oder rückständig abgetan. Die Folge ist eine Generation, die keine Hemmschwelle mehr kennt, wenn es darum geht, Erniedrigung als Unterhaltung zu konsumieren und nachzuahmen.
Die Plattform selbst trägt Mitverantwortung. TikTok verdient an der Aufmerksamkeit junger Nutzer, übernimmt aber keine Verantwortung für die Inhalte, die dort kursieren. Algorithmen belohnen Provokation und Gewalt, weil sie Klicks und Verweildauer steigern. Wer solche Inhalte löscht, handelt nicht aus Zensur, sondern aus Pflicht gegenüber der Gemeinschaft. Eine freie Gesellschaft muss ihre Kinder vor Verrohung schützen, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken. Genau diese Unterscheidung ist in den vergangenen Jahren verloren gegangen.
Was es jetzt braucht, ist kein neues Gesetz, sondern eine Rückbesinnung auf Erziehung, Familie und persönliche Verantwortung. Eltern müssen wieder ihre Rolle als erste Vorbilder ernst nehmen. Schulen müssen Anstand und Selbstdisziplin vermitteln, statt jede Regel als Eingriff in die Selbstverwirklichung zu betrachten. Und die Gesellschaft muss klar sagen: Wer andere beraubt oder vergewaltigt, stellt sich außerhalb der Gemeinschaft. Wer das nicht benennt, macht sich mitschuldig an der nächsten Tat. Die Anklage gegen diese Jugendlichen ist kein isolierter Vorfall. Sie ist das sichtbare Ergebnis einer Kultur, die zu lange weggesehen hat.
Quelle: Aftenposten

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