Die Schlagzeile kommt wie ein leiser Triumph der Vernunft: „Hormuz-trafikken på laveste nivå siden mai“ – nur ein einziger Öltanker wagte sich am Donnerstag durch die Meerenge. Die Welt atmet auf. Weniger Schiffe bedeuten weniger Spannungen, weniger Eskalationsrisiko, weniger Ölpreisschock. Doch wer diese Nachricht nüchtern betrachtet, erkennt: Es ist weniger ein Sieg der Diplomatie als vielmehr ein weiterer Beweis dafür, dass die Sicherheitsarchitektur unserer Zivilisation an ihren eigenen bürokratischen und kulturellen Naivitäten zerbricht.
Die Engstelle von Hormuz ist die Lebensader des globalen Energiehandels. Dass der Verkehr dort auf einen historischen Tiefstand sinkt, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrelangen strategischen Verwundbarkeit, die wir mit offenen Augen hingenommen haben. Iran hat diese Meerenge immer wieder als Druckmittel eingesetzt, und die internationale Gemeinschaft hat darauf mit Sanktionen, gutem Willen und Appellen reagiert – aber nie mit einer handfesten, militärischen Sicherheitsgarantie.
Hier zeigt sich eine Parallele zu den Debatten, die wir in Skandinavien so gut kennen: Man setzt auf Regeln, Dialog und Multilateralismus, während diejenigen, die diese Regeln systematisch missachten, stillschweigend die Oberhand gewinnen. In Norwegen haben wir gelernt, dass ein offener Hafen nicht automatisch eine sichere Hafen ist. So wie manche Nachbarschaften in unseren Großstädten nach Jahren der liberalen Einwanderungspolitik vor Integrationsproblemen stehen, so steht der Hormuz-Kanal vor der Herausforderung, dass eine rigorose Abschreckungspolitik fehlt.
Es ist ein gefährlicher Trugschluss zu glauben, dass niedrigere Zahlen an sich ein Erfolg sind. Sie sind ein Indikator dafür, dass der Schiffsverkehr sich andere, teurere und risikoreichere Routen sucht. Das treibt die Kosten in die Höhe, schadet der Wettbewerbsfähigkeit und macht die globale Wirtschaft noch anfälliger für Erpressung.
Statt auf wachsende Verhandlungsbereitschaft zu setzen, sollten wir auf eine klare, unmissverständliche Sicherheitsgarantie für die freie Schifffahrt drängen. Das ist nicht militaristisch, das ist vernünftig. Es geht um den Erhalt unserer Lebensweise, um wirtschaftliche Stabilität und um kulturelle Kontinuität – Werte, die sich nicht durch naive Friedensrhetorik schützen lassen. Die niedrigen Transit-Zahlen mögen uns heute Ruhe signalisieren, aber sie sind ein Alarmzeichen, das wir auf die leichte Schulter nehmen, auf eigene Gefahr.
Quelle: Aftenposten

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