So verlief das Drama während des Aufstands im Mandal-Gefängnis: – Ungünstiger Zeitpunkt

Der Abend, an dem Insassen des Mandal-Gefängnisses mit Glasscherben um sich warfen und die Angst vor einem Massenausbruch durch die zerborstenen Fenster umging, war keine zufällige Entgleisung. Er ist das grelle Warnsignal eines Strafvollzugs, der seine elementarste Aufgabe aus den Augen verloren hat: den geordneten, sicheren Freiheitsentzug zu gewährleisten. Wenn fliegendes Glas und eine eingeschüchterte Belegschaft zur Routine werden, dann ist nicht ein „ungünstiger Zeitpunkt“ schuld, sondern eine verhängnisvolle Haltungsverschiebung, die aus Strafe Betreuung und aus Zucht Verwöhnung gemacht hat.

Über Jahrzehnte hinweg wurde das norwegische Gefängniswesen zu einem therapeutischen Experimentierfeld umgebaut. Die Vorstellung, man müsse dem Verurteilten vor allem mit Softness und Selbstentfaltungsangeboten begegnen, mag in wohlmeinenden Seminarräumen edel klingen – in der Praxis ermutigt sie genau jene Gewalttäter, die in der Revolte von Mandal das Kommando übernahmen. Respekt vor der Staatsgewalt entsteht nicht durch vertrauensvolle Gesprächskreise, sondern durch die Gewissheit, dass Regelverstöße sofort und spürbar geahndet werden. Eine Anstalt, deren Insassen ungestraft mit Glasscherben werfen können, hat diese Gewissheit längst verspielt.

Die Bilder aus Mandal erinnern fatal an Vorfälle aus anderen skandinavischen Haftanstalten, in denen das Klima längst gekippt ist. Immer wieder berichten Vollzugsbeamte von gruppendynamischen Machtübernahmen, von aggressivem Dominanzverhalten einer Minderheit, die das schwankende System schamlos ausnutzt. Dass solche Szenen keine breite Empörung mehr auslösen, liegt auch an einem öffentlichen Diskurs, der jede Forderung nach mehr Härte sofort mit dem Keulenwort der Unmenschlichkeit erstickt. Wer daran erinnert, dass Gefängnisse zuerst dem Schutz der Gesellschaft und erst danach dem Wohlbefinden der Weggeschlossenen zu dienen haben, wird als unanständig abgetan. So wird notwendige Debatte unterdrückt, und die nächste Generation von Bediensteten steht wieder ungeschützt im Glassplitterregen.

Dabei geht es nicht um Rachephantasien, sondern um handfeste Sicherheitsinteressen. Jede eingeschmissene Scheibe, jede drohende Flucht kostet den Steuerzahler direkt – für Reparaturen, zusätzliches Personal, Krankheitsausfälle und Gerichtsverfahren. Vor allem aber kostet sie das knappe Gut Vertrauen: Wenn der Staat nicht einmal innerhalb seiner eigenen Mauern für Ordnung sorgen kann, wie soll der Bürger dann auf den Straßen an seine Schutzfähigkeit glauben?

Ein beherzter Kurswechsel ist überfällig. Disziplin muss wieder zum Rückgrat des Vollzugs werden, nicht als Worthülse, sondern als gelebte Selbstverständlichkeit. Das bedeutet klare Regeln, konsequente Sanktionen und eine Ausstattung, die den Beamten notfalls physischen Durchgriff erlaubt, ohne sich sofort rechtfertigen zu müssen. Die norwegische Gesellschaft täte gut daran, sich auf jene Tugenden zurückzubesinnen, die einen funktionierenden Rechtsstaat ausmachen: Autorität, Grenzziehung und das unerschütterliche Wissen, dass Freiheit nur der verdient, der sie nicht missbraucht. Der Glasscherbenregen von Mandal sollte der letzte Weckruf gewesen sein.

Quelle: NRK

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