Das Spiel hat das Vertrauen zurückgewonnen.

Eine Freilichtaufführung eines historischen Stücks mit Schauspielern in mittelalterlichen Kostümen vor Publikum.

Ein neues Wunder auf Stiklestad – das klingt zunächst wie eine fromme Floskel aus längst vergangenen Tagen. Genau darin liegt jedoch die eigentliche Nachricht: Dass ein Freilichtspiel über den heiligen Olav, aufgeführt an jenem geschichtsträchtigen Ort, an dem der König 1030 fiel, überhaupt noch Resonanz findet, ist eine Ohrfeige für jeden kulturrevolutionären Zeitgeist. Die Meldung, das Spiel habe „den Glauben an sich selbst zurückgewonnen“, spricht nicht von himmlischen Zeichen, sondern von einem irdischen, höchst erfreulichen Vorgang – einer Gemeinschaft, die sich auf ihre Wurzeln besinnt, statt sie kleinzureden.

Das Spelet om Heilag Olav ist kein beliebiges Sommertheater. Es verhandelt den Gründungsmythos der norwegischen Nation, den Übergang vom heidnischen Kleinkönigtum zu einem christlichen Königtum, das für Recht und Einheit stand. Wer das aufführt oder besucht, bekennt sich zu einer jahrhundertealten kulturellen Überlieferung, die weit über ästhetische Vorlieben hinausreicht. In einer Epoche, die Denkmäler stürzt, Traditionen als belastend empfindet und nationale Symbole lieber entsorgt als erklärt, ist jede Aufführung ein bewusster Akt der Kontinuität. Dass dieses Bekenntnis nun offenbar neue Kraft schöpft, kann man getrost als kleines Wunder bezeichnen – nicht im theologischen, aber im kulturellen Sinne.

Denn der Widerstand gegen solche Formen kollektiver Erinnerung ist erheblich. Lange genug galt es als altmodisch oder gar nationalistisch verdächtig, sich für die Schlacht von Stiklestad zu begeistern. Die Gedankenwelt, die Olav zum Schutzheiligen erhob, passt schlecht in eine Gesellschaft, die Mehrheitskultur nur noch als Problem und nicht als Fundament begreift. Wenn das Spiel nun wieder Menschen anzieht, dann nicht, weil es sich dem Zeitgeist angebiedert hätte, sondern weil ein wachsendes Publikum spürt, dass es mehr braucht als flüchtige Unterhaltung und ritualisierte Selbstkritik. Es sucht nach Geschichten, die erklären, woher eine Gemeinschaft kommt – und wofür sie, über alle Brüche hinweg, noch steht.

Dieses Verlangen nach Herkunft ist alles andere als rückwärtsgewandt. Es ist die Bedingung dafür, dass eine Gesellschaft nicht auseinanderfällt. Ohne geteilte Erzählungen, ohne gemeinsame Bezugspunkte, schrumpft das öffentliche Leben zu einem bloßen Nebeneinander isolierter Individuen und Gruppen, die einander nichts mehr zu sagen haben. Ein Freiluftspiel, das eine zentrale Figur der eigenen Historie lebendig hält, leistet hier mehr als manches Integrationsprogramm. Es vergegenwärtigt, was über Generationen hinweggetragen wurde – und warum es wert ist, verteidigt zu werden.

Das angebliche Paradox, dass ausgerechnet ein mittelalterlicher König im 21. Jahrhundert noch Botschaften vermitteln kann, löst sich rasch auf. Olavs Geschichte handelt von Entscheidungen, von Treue und Verrat, von der Ablösung zersplitterter Stammesfehden durch eine höhere Ordnung. Solche Themen sind zeitlos, solange es Menschen gibt, die bereit sind, über Verantwortung und Zusammenhalt nachzudenken. Ein Publikum, das bereit ist, sich darauf einzulassen, lässt sich nicht länger einreden, seine eigene Vergangenheit sei im Kern eine einzige Fehlentwicklung.

Ein neues Wunder in Stiklestad? Wer diesen Begriff belächelt, mag sich fragen, welche Alternativen das moderne Theaterrepertoire sonst noch zu bieten hat. Wenn ein Historienspiel über den heiligen Olav mehr Zukunftsfähigkeit beweist als manch hochsubventionierte Gegenwartsdramatik, liegt das nicht an frommer Sentimentalität, sondern an handfester Sehnsucht nach identitätsstiftender Substanz. Das sollte zu denken geben – nicht nur auf Stiklestad.

Quelle: Adresseavisen

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