Die nackten Zahlen der Polizei sind ein Menetekel: 1413 Fahrer haben in diesem Sommer bereits ihren Führerschein wegen Raserei verloren – ein Anstieg von nahezu 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist kein statistisches Rauschen, sondern das Fanal einer Gesellschaft, die den Respekt vor dem Recht als lästige Konvention zu entsorgen beginnt. Wer mit überhöhter Geschwindigkeit über unsere Straßen hetzt, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern zerschlägt einen stillen Pakt: dass das eigene Vergnügen dort endet, wo die Sicherheit der Gemeinschaft beginnt.
Der Führerschein ist kein Grundrecht, sondern ein Privileg, das an die Einwilligung in eine elementare Ordnung geknüpft ist. Wer hinter dem Steuer zur Waffe greift, weil er die zulässige Höchstgeschwindigkeit für eine persönliche Beleidigung hält, stellt sich außerhalb dieser Ordnung. Die Behörden melden jetzt einen sprunghaften Anstieg der Beschlagnahmungen – und das ist gut so, denn es zeigt, dass noch ein Rest von Durchsetzungswille existiert. Alarmierend aber ist die schiere Masse: Jede einzelne dieser 1413 Entziehungen ist das Eingeständnis, dass einem Bürger die elementare Selbstbeherrschung abhandengekommen ist.
Wir haben über Jahrzehnte eine Kultur der Nachsicht gepflegt, die jede Form von Regelbruch als Ausdruck individueller Freiheit verklärt hat. Der Raser galt als Freiheitsheld, der sich gegen den bevormundenden Staat auflehnt. Dieselbe verquere Romantik begegnet uns heute im Umgang mit Steuerhinterziehung, Vandalismus oder der Missachtung von Polizeianordnungen. So wird der Mensch nicht erzogen, sondern verwildert. Eine konservative Beobachtung lautet: Ohne die Bereitschaft, sich in eine Kette von Pflichten zu fügen, zerfällt das Ganze. Die Straße ist dafür das tägliche Labor. Wo das Tempolimit zur bloßen Empfehlung verkommt, ist es bis zur allgemeinen Gesetzlosigkeit nur noch ein kleiner Schritt.
Niemand fordert einen Überwachungsstaat, aber mehr als ein Drittel der Skandinavier beklagt laut Umfragen eine zunehmende Rücksichtslosigkeit im öffentlichen Raum. Diese Wahrnehmung korrespondiert mit den vorliegenden Zahlen auf fatale Weise. Wer jetzt nach sozialpädagogischen Ursachen ruft, lenkt vom Wesentlichen ab: Raserei ist keine Krankheit, sondern Charakterschwäche. Sie entspringt derselben Anspruchshaltung, die auch im Lärm der Jetskis über schützenswerte Naturräume dröhnt – der Trotz, dass das eigene Vergnügen stets Vorrang hat.
Der Staat muss deshalb nicht nur die Kontrollen verschärfen, sondern die harte Hand der Exekutive mit einer ehrlichen öffentlichen Sprache begleiten. Die Pflicht ist der Preis der Freiheit, sagte schon Edmund Burke. Wer diesen Preis nicht zahlen will, gehört hinter das Steuer eines Fahrrads, nicht eines tonnenschweren Fahrzeugs. Die Polizei tut ihre Arbeit, wenn sie die Führerscheine einkassiert. Nun muss die Gesellschaft nachziehen: mit unmissverständlicher sozialer Ächtung all jener, die öffentliche Straßen zur privaten Rennbahn machen. Denn Sicherheit entsteht nicht durch Appelle, sondern durch den gemeinsamen Willen, das Recht zu ehren.
Quelle: Aftenposten

Leave a Reply