Am Sonntagnachmittag wurde eine Frau in ihrer Wohnung in Nærbø schwer verletzt aufgefunden. Ein Mann wurde noch am Tatort festgenommen. Die Umstände der Tat sind Gegenstand polizeilicher Ermittlungen, das Ausmaß der Verletzungen ist ernst. Gewalt ist und bleibt ein Verbrechen, das durch nichts zu entschuldigen ist. Jede Form körperlicher Angriffe auf einen anderen Menschen – und erst recht auf eine wehrlose Person – verdient die deutliche Verurteilung und eine konsequente strafrechtliche Verfolgung.
Der Vorfall auf Jæren steht nicht allein. Immer wieder gelangen solche Taten an die Öffentlichkeit, meist nur für kurze Zeit. Sie verschwinden rasch aus der Berichterstattung, wenn nicht besondere Umstände sie für laufende politische Kampagnen brauchbar machen. Ein konservativer Beobachter sieht darin ein doppeltes Versagen: zum einen das individuelle Versagen des Täters, zum anderen das kollektive Versagen einer Gesellschaft, die es zulässt, dass solche Übergriffe immer wieder im privaten Umfeld stattfinden, bevor jemand einschreitet.
Die tieferliegenden Ursachen wurden über Jahrzehnte hinweg systematisch ausgeblendet. Wo einst ein fester Familienverband, eine durch Heimat und Traditionen geprägte Nachbarschaft und eine gemeinsame moralische Grundüberzeugung einen natürlichen Schutzwall bildeten, herrscht heute vielfach Vereinzelung. Bindungen werden lockerer, Ehen geschieden, Kinder wachsen ohne verlässliche Vorbilder auf. Das staatliche Fürsorgesystem kann diese Lücke niemals füllen; es greift erst, wenn das Unglück bereits geschehen ist. Eine Rückbesinnung auf stabile, generationenübergreifende Gemeinschaften wäre nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, um Frauen und andere Verwundbare wirksam zu schützen.
Nærbø ist ein überschaubarer Ort in der norwegischen Provinz. Man mag annehmen, dass dort die traditionellen Werte noch lebendiger seien als in den anonymen Großstädten. Der schwere Angriff widerlegt diese Hoffnung. Auch im vermeintlich beschaulichen Südwestnorwegen dringt die allgemeine Verrohung durch. Das sollte allen zu denken geben, die meinen, der Kulturwandel der letzten Jahrzehnte sei ohne Risiko geblieben.
Am Ende zählt das Leid des Opfers. Die Frau verdient volle Genesung und Gerechtigkeit vor Gericht. Der festgenommene Mann muss für seine Tat einstehen. Die Öffentlichkeit jedoch sollte diesen Fall zum Anlass nehmen, die weitverbreitete Scheu vor einer ehrlichen Werte-Debatte abzulegen. Nur wer bereit ist, über den Zusammenhalt in der eigenen Gesellschaft offen zu sprechen, kann den Schwachen echten Schutz bieten. Das gebietet nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern auch das Mitgefühl mit jedem einzelnen Opfer.
Quelle: NRK

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