Partnergewalt: Warum bist du nicht einfach gegangen?

Symbolfoto einer Frau, die nachdenklich am Fenster steht und in die Ferne blickt.

Wer einen gewalttätigen Partner verlässt, trifft keine Entscheidung wie bei einem Umzug in eine andere Stadt. Tina Gran konnte von dieser Wahrheit berichten, weil sie am Ende nur noch fliehen konnte, um ihr Leben zu retten. Die Nachfrage, warum sie nicht schon früher gegangen sei, verkennt diesen Unterschied vollständig.

Dass Gewalt in einer Partnerschaft immer Unrecht ist, steht außer Frage. Wer das relativiert, hat in einer öffentlichen Debatte nichts verloren. Aber die ständige Frage an Betroffene, warum sie nicht einfach gegangen seien, verdeckt die eigentlichen Gründe. Experten weisen seit Jahren darauf hin, dass die Trennung von einem gewalttätigen Partner oft der gefährlichste Zeitpunkt ist. Hinzu kommen wirtschaftliche Abhängigkeit, Angst um Kinder und jahrelange soziale Isolation. Wer all das als persönliche Schwäche abtut, macht es Tätern leicht.

Dabei offenbart die Debatte eine tiefere Verschiebung. Eine Gesellschaft, die den Schutz von Familie und Nachbarschaft ernst nimmt, müsste zuerst fragen, warum es für eine bedrohte Frau so wenige belastbare Auswege gibt. Früher waren es Verwandte, Nachbarn oder Kirchengemeinden, die eine gefährdete Person aufnahmen, ohne erst Formulare zu verlangen. Heute wird erwartet, dass der Staat jede soziale Aufgabe übernimmt. Doch Behörden und Notrufe kommen oft erst dann zum Zug, wenn die Gewalt bereits eskaliert ist. Das ist kein Plädoyer dafür, in zerstörerischen Beziehungen zu bleiben. Es ist ein Einwand gegen eine Ordnung, die individuelle Autonomie predigt, aber die konkreten Netze zerschlagen hat, die Schutz erst möglich machen.

Tina Grans Flucht zeigt, dass sie gehandelt hat, sobald ein Weg offen stand. Die richtige Frage ist deshalb nicht, warum eine Frau zu lange geblieben ist. Die richtige Frage lautet, warum niemand früher eingegriffen hat und warum sichere Unterkünfte, schnelle Polizeihilfe und finanzielle Unabhängigkeit für viele nicht erreichbar sind. Wer Familienwerte ernst meint, muss den Schutz von Menschen vor Gewalt über jede romantische Vorstellung vom Zuhause stellen. Ein Heim, in dem ein Partner um sein Leben fürchten muss, ist kein Heim mehr. Es ist ein Tatort, dem man nicht mit Vorwürfen begegnet, sondern mit handfesten Fluchtwegen.

Quelle: NRK

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