Terroranschläge verurteilt jede zivilisierte Gesellschaft – das steht außer Frage. Die Frage ist, was aus dieser Verurteilung folgt. Der Anschlag in Berlin, der mutmaßlich gezielt Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung traf, liefert eine bittere Lektion: Die reflexhafte Instrumentalisierung solcher Taten erstickt jede ernsthafte Suche nach den Ursachen, bevor sie überhaupt begonnen hat.
Schon kurze Zeit nach der Tat war das bewährte Bild vom queeren Menschen als „Kanarienvogel“ wieder im Umlauf. Die Vögel dienten Bergleuten einst als lebendes Warnsystem gegen giftige Gase. Heute wird die Metapher in moralischen Dienst genommen: Ein Angriff auf queere Bürger gilt nicht nur als individuelles Verbrechen, sondern als Fieberthermometer für eine vermeintlich von Fremdenhass durchseuchte Gesellschaft. Diese Deutung ist politisch hochwirksam, aber sie führt in die Irre. Sie verlagert den Blick von der konkreten Tat und ihrem Täter auf eine allgemeine gesellschaftliche Anklage, die sich vor allem gegen den freien Meinungsaustausch richtet.
Denn wer nach Täterprofilen, kulturellen Prägungen oder ideologischen Netzwerken fragt, die solche Gewalt hervorbringen, sieht sich schnell dem Vorwurf der Homophobie oder der Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. So wird aus dem legitimen Sicherheitsinteresse ein Tabuverstoß. Die queeren Opfer, zu deren Schutz sich alle bekennen, bleiben dabei auf der Strecke. Echte Prävention setzt voraus, dass Gefahren klar benannt werden – auch wenn die Ergebnisse nicht in das Weltbild passen, das die „Kanarienvogel“-Rhetorik verabsolutiert. Wenn die Analyse der Tathintergründe unter Generalverdacht gestellt wird, bleiben die wahren Warnsignale ungehört.
Die Debatte über singuläre Anschläge verliert sich regelmäßig in symbolischen Gesten und Distanzierungsritualen, während die Sicherheitsbehörden vor denselben unbequemen Realitäten stehen, die in der öffentlichen Diskussion ausgespart werden müssen. Eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Werte sicher ist, muss aushalten, dass die Verteidigung der Freiheit auch den Streit über jene Faktoren einschließt, die diese Freiheit bedrohen. Die Opfer verdienen nicht nur routinierte Betroffenheitsfloskeln, sondern eine Politik, die den Mut aufbringt, das Offensichtliche auszusprechen und daraus Konsequenzen zu ziehen.
Quelle: VG

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